Watt, Darwins Großvater und Goethe.

Wie hoch Watt seiner persönlichen Eigenschaften wegen auch von dem Großvater Darwins, dem Dichter und Arzte Erasmus Darwin, geschätzt wurde, der ebenfalls der Mondgesellschaft angehörte, geht aus einer Bitte E. Darwins hervor. Für seinen »Botanischen Garten« wünschte er eine von Watt geschriebene, kurze Geschichte der Dampfmaschine, soweit diese Geschichte von Watt selber gemacht worden war. Für die Vorgänger wollte Darwin selber etwas zusammenschreiben. Eine Stelle aus Watts Antwort auf diese briefliche Bitte ist für den Charakter des Mannes bezeichnend: »Bei dem, was ich Ihnen zu schicken gedenke, sollen Sie nicht befürchten, daß ich mich auf Rechnungen oder Mathematik einlassen werde. Meine Seele verabscheut beide und alle andern abstrakten Wissenschaften. Ich werde Ihnen einige Tatsachen mitteilen zur Erklärung einiger Warum und Weswegen, aber ich hoffe, Ihre Zeit nur mit zwei Quartseiten in Anspruch zu nehmen. Die Wahrheit zu sagen, obwohl ich nicht glaube, daß alle Ruhmsucht (vain glory) bei mir erstorben ist, so ist doch der Wunsch nach Ehre fast gesättigt; nichts bleibt jetzt übrig als das Verlangen nach Geld; es zu bekommen, kann ich mir gleichwohl nicht viel Mühe geben. Ich finde nämlich, es kann weder Gesundheit noch Glück kaufen. Deshalb würde ich meinetwegen mir nicht die Mühe machen zu schreiben, was Sie wünschen, aber ich kann mich nicht weigern, auf ein so ehrendes Ersuchen einzugehen. Doch verspreche ich Ihnen, es nur unter der Bedingung zu tun, daß Sie mir kein unmäßiges Lob zollen, wie Sie es letzthin taten, als Sie die Güte hatten, die Maschine im Druck zu erwähnen. Ohne mädchenhafte Schüchternheit zu erheucheln: — Sie machten mich in meinen eigenen Augen verächtlich, wenn ich bedenke, wieweit meine Ansprüche oder die der Dampfmaschine zurückblieben auf der Leiter menschlicher Erfindung — ich, der selber weiß, daß ich dem größten Teile erleuchteter Männer in den meisten Dingen nachstehe! Habe ich mich wirklich ausgezeichnet, so denke ich, es war durch Zufall und durch das Versehen andrer. Bewahren Sie die Würde eines Forschers und Geschichtsschreibers; melden Sie die Tatsachen und lassen Sie die Nachwelt richten. Verdiene ich es, so mögen einige meiner Landsleute, von Patriotismus begeistert, sagen: ‚Hoc a Scoto factum fuit‛ (dies wurde von einem Schotten geleistet).«

In Preußen lebte zur Zeit, da Watt seine Maschinen in Cornwall aufstellte, noch Friedrich der Große. Ihn machte der Geheimrat Gansauge, der auf seinem Kohlenbergwerk bereits eine Feuermaschine verwendete, auf die neue Erfindung aufmerksam, und der alte Fritz beauftragte seine Beamten, alles daran zu setzen, um den Bau der Wattschen Maschinen genau kennen zu lernen. Der Oberbergrat Waitz von Eschen und der Bergassessor Bückling wurden nach England gesandt, die Wattsche Maschine auszukundschaften.

England hatte damals Ausfuhrverbote erlassen und suchte seine Industriegeheimnisse durch hohe, auf ihren Verrat gesetzte Strafen zu schützen. Die preußischen Sendlinge mußten Arbeiter der Sohoer und andrer Werke aushorchen. Bückling soll sogar als Arbeiter in Watts Betrieb gelangt und so genauer Kenner seiner Maschinen geworden sein; schließlich habe er fliehen müssen, um schwerer Strafe zu entgehen. Auch der Freiherr vom Stein wird unter denen genannt, die sich das Werk in Soho besahen. Ein Jahr vor dem Tode des großen Königs wurde bei Hettstedt im Mansfelder Kreise eine einfachwirkende Wattsche Dampfniederdruckmaschine in Betrieb gesetzt. Danach wurden in Oberschlesien bei Tarnowitz Maschinen aufgestellt. Die erste ist wohl die, die wir aus der Eythschen Beschreibung kennen lernten. Goethe hat die Feuermaschine auf einer Reise durch Oberschlesien vielleicht nur an diesem Exemplar kennen gelernt; 1790 schrieb er in das Fremdenbuch, das den Besuchern der Feuermaschine in Oberschlesien vorgelegt wurde:

»Fern von gebildeten Menschen, am Ende des Reiches, wer hilft Euch
Schätze finden und sie glücklich bringen ans Licht?
Nur Verstand und Redlichkeit helfen; es führen die beiden
Schlüssel zu jeglichem Schatz, welchen die Erde bewahrt.«

Indessen war man nicht gerade durch Redlichkeit zu den Feuermaschinen gekommen; und die Schlesier haben sich bei Goethe beschwert, daß er sie »fern von gebildeten Menschen« nennt! Aber diese Zeilen beleuchten noch nicht das Verhältnis des Dichters zur Dampfmaschine oder zu Watt. Vielmehr nahm Goethe Interesse an einer kleinen Dichtung des Harfenmachers J. A. Stumpf, die unter der Überschrift »Der Kampf der Elemente« die Dampfmaschine verherrlichte. Goethe feilte die Dichtung durch und rückte sie in seine Zeitschrift ein, weil sie Zeugnis ablegt, wie mächtig poetische Gemüter von dem neuen Triumph menschlichen Geistes bewegt wurden. So seien diese Verse hier mitgeteilt, als Beweis, wie frühe schon die Poesie der Technik sich regte, die sich erst in jüngster Vergangenheit ein wenig Beachtung erobert, nachdem schon sogar im 16. Jahrhundert der Franzose Nicolaus Bourbon in lateinischen Versen eine Dichtung »Der Eisenhammer« verfaßt hatte (Ferraria, übersetzt und erläutert von Dr. L. H. Schütz, Göttingen 1895): —

»Gott sah, was er gemacht, und siehe, es war gut.
So schrieb ein Mann mit großem Geist und Mut.
Doch diese Lehre will der Welt nicht mehr behagen.
Der Zweifler macht bedenklich bittere Klagen.
Er ruft: Man werfe nur, nur einen flücht'gen Blick
In's Lebensspiel; was blickt man? Menschenglück?
Nein, Not und Tod und Elend sieht man hausen,
Die Elemente stets im Wechselkampfe brausen,
Und Sturm der Leidenschaft, die ewig Feindschaft brüten.
So murrt gar mancher trüb, raubt sich des Lebens Frieden!
Warum denn wurden wir so rund umgeben
Vom rohen Stoff, von Kräften aller Art?
Was will in unserer Brust das stete Streben,
Das sich mit ewig reger Neugier paart?
Gestalten soll der Herr die Erden?
Harrt hier nicht alles auf des Bildners Hand?
Ein Schöpfer soll der Mensch, wie Gott wohltätig werden?
Drum gab er ihm Stoff, Kräfte und Verstand.
So jener Mann, dem manches Werk gelungen,
Und dessen Geist nach Wahrheit stets gerungen,
Geprüft des Feuers, des Wassers Macht,
Kurz, der zuerst das Werk erdacht,
Wie durch der Elemente Kampf,
Des Feuers Wut, des Wassers Dampf,
Der Mensch Gewinn und nicht Verderben fand.
Die Wut des Feuers, des Wassers Macht
Ward von dem Künstler angefacht,
Er trennt durch eine dünne Wand
Die Feinde, die von Wut entbrannt.
Die Flammen an dem Kessel wüten,
In dem voll Zorns die Wellen sieden
Und streben, sich am Feind zu rächen,
Den starken Kerker zu zerbrechen.
Ein blanker Stab steigt magisch hoch empor
Vom Dampf verfolgt, durch ein gewaltig Rohr;
Im Nu stürzt in die heiße Flut
Ein kalter Strom, schreckt seine Wut;
Gleich sinkt der Stab — im Augenblick
Scheucht ihn der heiße Dampf zurück,
Der blanke Stahl steigt auf und nieder,
Belebt zum Streben alle Glieder
Nach einem Ziel, der große Bau
Folgt stets des Meisters Sinn genau —
Wie mancher tadelt nicht den Wunderlauf der Dinge
Und ungeprüft schilt, was er nicht versteht.
Der Forscher sieht entzückt, wie in der Wesen Ringe
Sich Teil und Ganzes stets im schönsten Bunde dreht.«

Daß Goethe an diesen Versen nicht achtlos vorüberging, sollte denen zu denken geben, die vom »öden Materialismus der Technik« reden und es nicht Wort haben wollen, daß hier nicht nur für den Kopf, sondern auch für das Herz etwas entstanden ist. Wenn Goethe im zweiten Teil des Faust seinen Helden die reinste und die höchste Freude empfinden läßt, als dem Meere Land abgerungen wird, so hat die Dampfmaschine bei der Entwässerung der Haarlemer Bucht in Holland gezeigt, wie Land im großen der See abgetrotzt werden kann. Damit begann die Dampfmaschine ja in Cornwall ihren Siegeszug um die Erde, daß sie innerhalb der Bergwerke das Land den Fluten der Schächte entriß.