Watt und Nietzsche.
»Eine tolle Zusammenstellung«, wird vielleicht mancher sagen, wenn er diese beiden Großen so nebeneinander gerückt findet!
Was hat der Erfinder eines zwar sehr nützlichen, aber sonst »öden Mechanismus«, — was hat der Förderer menschlicher Bequemlichkeit und des krassen Materialismus mit dem idealen Streben eines einsamen Philosophen gemein, der erhabenste Gedanken der Schnellkraft geflügelter Worte anvertraute und sich der Massenwucht, der Herrschaftslüsternheit der Pöbeltriebe entgegenstemmte?
Was hat der nüchterne Techniker und Mechaniker Watt mit dem poetisch gestaltenden Denker zu schaffen?
Wie kommt die Grauheit des Fabrikbetriebs zur Buntheit der Nietzscheschen Gedankenwelt?
Verbietet es wirklich nicht der gute Geschmack, den Mann, der Millionen von Pferdekräften aus dem Boden stampfte und dem Menschen eine bis dahin unerhörte Macht über die Elemente und Schätze der Natur gab, in einem Atem zu nennen mit dem Lenker der Geister, der neue seelische Schätze ans Licht hob und Millionen von Geisteskräften freimachte? Soll im Ernste der Schöpfer der modernen Dampfmaschine mit dem »Umwerter aller Werte« verglichen werden?
Ohne mit einer Wimper zu zucken, behaupten wir, daß jeder nur zu seinem Nutzen und Besten sich von dem übertriebenen Gerede über die Umwertung aller Werte durch Nietzsche hinwenden wird zu dem Urheber der gewaltigen Umwertung vieler Werte, als der James Watt unbestritten in aller Zukunft wird gelten müssen.
Wir wollen Nietzsche das Verdienst nicht absprechen, daß er dazu beitrug, das bessere Individuum gegenüber den Herdentrieben zur Selbstbesinnung zu bringen. Wir wollen uns vieler seiner glänzenden, scharfsinnigen, in so künstlerische Form gegossenen Gedanken freuen, darüber wollen wir aber auch ihre Mängel, ihr unlogisches Widereinanderstreben, ihr schwachen Gemütern gefährliches Wesen nicht übersehen! Gerade aber weil mit der »Umwertung aller Werte«, als einer Leistung Nietzsches, soviel Unfug getrieben worden ist und immer noch getrieben wird, wollen wir zeigen, daß der große Schotte und Mehrer menschlicher Machtmittel eine jedenfalls ganz unübersehbare, heute noch nicht zum Stillstand gelangte Umwertung der Werte eingeleitet hat. Mehr noch als der erste Napoleon, dessen glänzende Taten und Leistungen immer mit dem entsetzlichsten Blutgeruch behaftet bleiben werden, hat der vom Norden Englands gekommene Erfinder das äußere Antlitz der Erde umgestaltet. Die Revolution im Wirtschaftsleben, die von Watts Hirn ihren Ausgang nahm, war wohl nicht minder folgenreich als die große französische Revolution, die bald nach der Erfindung der Dampfmaschine ausbrach. Denn durch den still beschaulichen Sproß einer schottischen Mathematikerfamilie ist Dampf hinter alle Dinge gekommen, konnten die Schächte tiefer in die Erde getrieben werden, wurden Meere ausgetrocknet, Berge versetzt, Zünfte und Sticklüfte beseitigt, die schaffenstüchtige Menschheit um Millionen leidloser, eiserner Knechte bereichert, zahlreiche Gewerbe umgeschaffen und die Bevölkerungsmöglichkeit der Kulturländer ganz gewaltig gesteigert.
Eine unmittelbare Folge der Dampfmaschine waren Dampfschiff und Eisenbahn, und diese neuen Verkehrsmittel haben überhaupt erst das Aufblühen Europas und Amerikas ermöglicht. Sie gaben dem Volkskörper der weißen Rasse, der sich über Europa hinaus reckte, neue Nerven und Adern, neue Arme, Beine und Hirne.
Als Watt Armeen eiserner, unfühlender Diener fast aus dem Boden stampfte, schuf er einen neuen Begriff menschlicher Leistungsfähigkeit, gab er dem Denken Vertrauen zu sich selber, half er somit den menschlichen Geist aus den starren Banden aufgepfropfter oder eingewurzelter Vorstellungen befreien. Schon dadurch also war er ein Umwerter vieler Werte.