Durch Eisenbahn und Dampfschiff, die Watt erst ermöglichte, schrumpften Räume und Zeiten zusammen. Die Entfernungen verkürzten sich, die Begriffe nah und fern, lang und kurz, schnell und langsam wurden umgewertet. Mit dem Anfang der Eisenbahnen in Deutschland war das Ende der traurigen Kleinstaaterei gekommen. Der Unfug hörte auf, daß der Sachse, der Thüringer, der Schwabe schon innerhalb eines Tagemarsches oder binnen weniger Stunden ins »Ausland« gelangen konnten. Fortab war der Deutsche nicht mehr Ausländer für den Deutschen. Mithin haben wir hier ein Beispiel für politische Umwertungen, und nur eines für viele. Geldfürstentümer von unerhörtem Reichtume wuchsen aus dem Boden. Der alte Schwertadel verarmte. Dazwischen schob sich durch streberhafte Gefügigkeit emporgekommener Ämteradel. Mit solchen Wandlungen aber ergab sich eine Umwertung der Begriffe reich und arm, hoch und niedrig, vornehm und gemein, edel und unedel, gut und schlecht. Und nur logische Folgerungen aus technischen Prämissen waren die Untersuchungen Nietzsches über die Begriffe gut und böse.

Unverständige und Übelwollende gefallen sich gern darin, die Technik als die Mutter »öder Mechanismen«, als die Amme eines krassen Materialismus anzuschwärzen. Nicht nur wird dabei geflissentlich übersehen, daß die Technik oft die Retterin aus größten Nöten war; man will auch nicht Wort haben, daß die Technik hohen Gemütswert besitzt, daß sie eine poetische Seite hat und zur Quelle ästhetischer Befriedigung werden kann. Dichter und Ingenieure in einer Person waren nicht nur und nicht erst die Deutschen Max Eyth und Heinrich Seidel. James Watt selber war Poet und Mechaniker zugleich, wie Nietzsche Poet und Philosoph. Und die vielseitigere Natur besaß vielleicht der Schotte. Denn er vereinigte mit der nüchternen Sachlichkeit des tiefgründigen Forschers die zähe Beharrlichkeit des Tatmenschen und den Phantasiereichtum einer künstlerischen Persönlichkeit. Erasmus Darwin, des berühmten Zoologen Großvater, war vom Zauber der Wattschen Dampfmaschine so sehr entzückt, daß er ihr eine längere Dichtung widmete, die in seinem Werke »Der Botanische Garten« erschien. So alt ist also bereits das Thema von der Poesie der Technik, und auch hier ist Watt der Einleiter einer Umwertung geworden.

In der gleichen Stadt Glasgow, wo Watt seine Laufbahn als Mechaniker begann, war der berühmte Begründer der Nationalökonomie, Adam Smith, als Professor tätig, und Watt und Smith gehörten, wie Smiles in einem Werke über »Boulton und Watt« erzählt, einem Klub an. Der große Nationalökonom aber hat später in seinem Werke über die Ursachen des Reichtums der Nationen gerade die Berufstätigkeit nicht genügend beachtet und veranschlagt, die von Watt vertreten wurde, die Technik. Das war sein Schaden, denn das wurde zur Fehlerquelle des Werks.

So schreibt mit Recht Eugen Dühring in seiner Geschichte der Nationalökonomie: »Wie Adam Smith schon die Technik überhaupt nicht als erste produktive Macht ansah, so konnte er insbesondere noch viel weniger die Bedeutung würdigen, die diejenigen ausschließlich geistigen Tätigkeiten haben, die auf Erfindungen hinarbeiten oder sie unmittelbar machen. Die auf technische Erfindungen gerichtete Forschung ist so gewaltig produktiv, daß sich mit ihr keine andere wirtschaftliche Macht messen kann.« Man wird es dem Schotten Adam Smith zugut halten müssen, daß erst durch seinen jüngeren Landsmann James Watt der Welt in glänzendster Weise dargetan werden mußte, was technische Schöpferkraft und Erforschung der Natur wirtschaftlich zu bedeuten haben. Indem Watt also die noch von Smith nicht gebührend gewürdigte Technik zu Glanz und Geltung brachte, hat er auch in dieser Richtung »Werte umgewertet«. Die Herausbildung neuer Berufsstände, nämlich der Ingenieure, Monteure usw., knüpft sich zu einem wesentlichen Teile an das Schaffen des ehemaligen Mechanikers. Prozentual nehmen im Volkskörper die Personen zu, die einen Teil ihrer Vorbildung auf den strengsten Gebieten der Wissenschaft empfangen, auf den Gebieten der Mathematik und Mechanik. Somit sehen wir hier James Watt als den Ausgangspunkt sozialer Verschiebungen und Umwertungen.

Nur eines kurzen Hinweises bedarf es auf die Arbeiterfrage, die sich beim Heraufkommen des Maschinenzeitalters entwickelt hat. Auch hier trug Watt dazu bei, daß neue Fragestellungen sich erhoben, Werte zusammenbrachen und neue entstanden. Die von ihm unabsichtlich eingeleitete Wertumwertung ist heute noch nicht zu ihrem Abschluß gelangt.

Es wäre eine reizvolle Aufgabe, den Vergleich Watts mit Nietzsche ausführlicher zu behandeln, als es hier im Rahmen einer Wattbiographie möglich ist. Aber auf einige weitere Vergleichspunkte sei doch noch kurz hingewiesen. Wie Nietzsche seinen »Zarathustra« auf sonnigen Spaziergängen binnen wenigen Tagen im Geiste entwarf, so empfing Watt die Hauptidee seiner Erfindung auf einem Spaziergang im Freien. Wie der Dichterphilosoph seine Werke zur Welt brachte unter jahrelangen Kopfschmerzen, so zieht sich durch die Schaffenszeit Watts die immer wiederholte Klage über das gleiche Elend. Wie Nietzsche ein Entzücken gerade an der gedrungenen Begriffsfülle der lateinischen Sprache empfand, so begegnen wir in Watts Briefen einer Menge lateinischer Zitate, die man dem Mechaniker bei all seiner Belesenheit kaum zutrauen sollte. »Um die Erfinder neuer Werte dreht sich die Welt«, sagt der Einsiedler von Sils-Maria, »unhörbar dreht sie sich. Die stillsten Stunden sind es, die den Sturm bringen. Der Pöbel aber glaubt, die Welt drehe sich um die Erfinder neuen Lärms.« Ist es nicht eine hübsche Gleichläufigkeit dazu, wenn Watt an seinen Freund und Geschäftsteilhaber, den vornehmen Industriellen Boulton, in einem Briefe über die Aufstellung einer der ersten Dampfmaschinen im Cornwaller Grubenbezirk folgendes berichtet: »Geschwindigkeit, Kraft, Größe und der furchtbare Lärm der Maschine haben jetzt alle, die sie sahen, ob Freund, ob Feind, befriedigt. Ich hatte sie ein- oder zweimal so eingestellt, daß ihr Gang ruhiger war, und sie weniger Lärm machte; aber Mister Wilson (der Besitzer) kann nicht schlafen, wenn sie nicht tobt. Da habe ich sie denn dem Maschinenwärter überlassen. Nebenbei gesagt — die Leute scheinen von der Größe des Lärms auf die Kraft der Maschine zu schließen. Das bescheidene Verdienst wird hier ebensowenig anerkannt wie bei den Menschen


Watts engere Heimat und ihre berühmten Männer.

Seiner Herkunft nach ist Watt ein Sohn Schottlands, in dessen nördlichsten Teil vor einem Jahrtausend die Kelten von den andringenden Angelsachsen zurückgedrängt wurden. Heute noch wird im schottischen Hochland meist keltisch gesprochen. Das Land ist durchweg gebirgig. Tiefe Meeresbuchten zerfransen die Küste. Wald und Weide, Seen und zahlreiche Wasserläufe erhöhen die landschaftlichen Reize, die aber wiederum durch Nebel, Regen und mehr windiges als kaltes Wetter beeinträchtigt werden. Noch zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, also noch zu Lebzeiten Watts, zählte Schottland im ganzen nicht mehr Einwohner als eine moderne Riesenstadt: etwas über anderthalb Millionen. Aber darin gleicht dieses dünn bevölkerte Land andern merkwürdigen europäischen Landstrichen wie Schweden, der Normandie, dem Elsaß, Schwaben, Thüringen und dem Harzgebiet, daß es eine auffallend große Zahl ganz ausgezeichneter Männer hervorbrachte. Hervorragende Kenner der Wissensgeschichte pflegen den feineren schottischen Geist über den gröberen englischen zu stellen, der sich in breiten Ausspinnungen gefällt.

Zur selben Zeit, da Watt durch seine Dampfmaschine eine Umwertung vieler Werte einleitete, lebte, wie schon erwähnt, der Schotte Adam Smith, dann Hume, Black und Burns, lauter berühmte Schotten. Burns war der bekannte Lyriker, der auch in Deutschland Nachahmer und Bewunderer fand. Adam Smith begründete die moderne Nationalökonomie; er machte die Arbeit zum Grundstein seines Systems, während vor ihm der Boden oder der Handel als alleinige Ursachen des Wohlstandes der Völker in den Vordergrund gerückt worden waren. Smith bewies in seinem Werke bereits großes Wohlwollen für die arbeitende Klasse und wollte die Einmischung des Staates in die wirtschaftlichen Vorgänge aufs äußerste beschränkt wissen.