Er wollte nur Wesen darstellen, mit deren Eigenthümlichkeit er von Jugend auf vertraut war. Dass es nach und nach während seines langen Exils und unter der Spannung zwischen slavophilen und europäisch gesinnten Russen in gewissen Kreisen Sitte wurde, seine Kenntnisse vom Vaterlande herabzusetzen und ihn als eine Art Westeuropäer zu behandeln, ist nur natürlich. Wäre er einen Grad weniger Kosmopolit gewesen, so würde er kaum in der ganzen civilisirten Welt so durchgedrungen sein, wie er es jetzt ist.
Er hat uns Bilder gegeben von Wald und Steppe, von Frühling und Herbst, von allen Ständen und Gesellschaftsklassen und Bildungsstufen in Russland. Er hat sie alle gezeichnet, den Leibeigenen und die Fürstin, den Bauer, den Gutsbesitzer und den Studenten, junge Mädchen, die lauter Seele sind, mit der feinsten slavischen Anmuth ausgestattet, und die kalten, schönen, egoistischen Koketten, die bei ihm unzurechnungsfähiger in ihrer Herzlosigkeit zu sein scheinen, als anderwärts. Er hat uns die reiche Psychologie einer ganzen Menschenrace gegeben, und zwar mit tief bewegtem Sinn, ohne dass die Gemüthserregung jemals die durchsichtige Klarheit der Darstellung getrübt hätte.
Turgenjew ist unter allen Prosaisten Russlands der grösste Künstler. Das mag daher kommen, dass er von ihnen allen am meisten im Auslande gelebt. Denn wurde auch durch seinen langen Aufenthalt in Frankreich der Fond von Poesie, den er aus der Heimath mitgebracht, nicht erhöht, so hat er augenscheinlich doch durch jenen die Kunst gelernt, seine Bilder unter Glas und Rahmen zu setzen.
Es strömt eine breite, tiefe Welle von Melancholie durch Turgenjew's Gemüth, und darum strömt sie auch durch seine Werke. Wie nüchtern und unpersönlich auch seine Darstellungsweise ist und obgleich er fast niemals in seine Novellen und Romane Gedichte einlegt, machen doch seine sämmtlichen Erzählungen einen lyrischen Eindruck. Es ist so viel Stimmung in sie verdichtet, und diese Stimmung ist immer Wehmuth, eine eigene, sonderbare Wehmuth, ohne einen Tropfen von Empfindsamkeit. Niemals gibt sich Turgenjew dem Gefühle ganz hin, er wirkt durch das gebundene Gefühl; aber kein westeuropäischer Erzähler ist wehmüthig wie er. Die grossen Melancholiker der lateinischen Race, wie Leopardi oder Flaubert, haben harte, feste Konturen in ihrem Stil, die deutsche Wehmuth ist grell humoristisch oder pathetisch oder sentimental. Turgenjew's Melancholie ist in ihrem allgemeinen Wesen die des slavischen Stammes in seiner Schwäche und Trauer, sie stammt in gerader Linie von der Melancholie der slavischen Volksgesänge ab.
Die neueren russischen Poeten von Rang sind alle Melancholiker. Bei Turgenjew jedoch ist diese Wehmuth vor Allem die des Denkers, der verstanden hat, dass alle Ideale der Menschheit, Gerechtigkeit, Vernunft, Allgüte, allgemeines Glück, der Natur gleichgiltig sind und sich nie durch eigene göttliche Macht geltend machen. In „Senilia“ hat er die Natur als Weib dargestellt, das mitten in einem Saale in der Tiefe der Erde tiefgrübelnd sitzt, von einem weiten grünen Gewande umwallt.
„O unsere gemeinsame Mutter“, frägt er, „woran denkst du? An das künftige Schicksal der Menschheit? An die Bedingungen, die nothwendig sind, damit sie die höchstmögliche Vollkommenheit, das grösstmögliche Glück erreichen kann?“
Das Weib wendete langsam seine dunklen, durchdringenden, schrecklichen Augen gegen mich; ihre Lippen öffneten sich halb, und ich hörte eine Stimme, die klang, wie wenn Eisen an Eisen stösst:
„Ich denke daran, wie ich den Beinmuskeln der Flöhe grössere Kraft geben kann, damit sie leichter den Nachstrebungen ihrer Feinde entgehen. Es ist kein Gleichgewicht mehr zwischen Angriff und Verteidigung; das muss hergestellt werden“.
„Was?“, stammelte ich, „dies ist es, woran du denkst? Aber wir Menschen, sind wir nicht deine Lieblingskinder?“
Sie zog die Brauen zusammen. „Alle Thiere sind meine Kinder“, sagte sie, „ich sorge gleich viel für sie alle, und ich rotte sie alle auf dieselbe Weise aus“.