Hierin hat man den Charakter seiner Melancholie. Wenn Gogol melancholisch ist, so ist er dies aus Entrüstung, wenn Dostojewski es wird, so rührt es daher, dass sein Herz vor Mitleid schmilzt mit den Unwissenden und Uebersehenen, mit den wie Heilige Edlen und Herzensreinen und fast noch mehr mit Sündern und mit Sünderinnen. Tolstojs Melancholie hat ihren Grund in seinem religiösen Fatalismus. Turgenjew allein ist Philosoph.

Man wird ferner finden, dass das Leben der andern grossen russischen Dichter einen Wendepunkt hat, an welchem sie von einer religiösen Bewegung ergriffen werden, die ihrem Leben ein neues Gepräge, ihrer eigenen Auffassung nach eine neue Weihe, einen neuen Ernst gibt, zugleich aber auch auf ihre dichterische Schaffenskraft in hohem Masse hemmend, schwächend wirkt, ja in der Regel etwas früher oder später ihrer Dichterlaufbahn völlig Einhalt thut. Dieser Wendepunkt kommt bald als einer, an dem eine Bekehrung sich vollzieht und bald als einer, an welchem sie erfüllt werden von einem nationalen oder national-religiösen Mysticismus. Der Hang zu solchem Mysticismus tritt in diesem Jahrhundert als ein der ganzen slavischen Welt gemeinsamer Zug auf. Er ergreift in der polnischen Litteratur in den vierziger Jahren Miekiewicz, Slowacki, Krasinski, Zaleski u. a. m., da Towianski und andere Schwärmer ihren Einfluss geltend machen. Er bemächtigt sich in der russischen Litteratur (unter verschiedenen Formen) so grosser Talente wie Gogol und Dostojewski, zuletzt endlich Tolstojs, wie es scheint unter dem Einflusse Sjutajews.

Nur für Turgenjew mit seiner ruhigen Contemplation ist — obgleich auch er in „Clara Militsch“ und im „Lobgesang der triumphirenden Liebe“ der Mystik seinen Tribut zollt — der religiöse Enthusiasmus selbst ein Stoff wie ein anderer. Er behandelt ihn ohne aus dem Gleichgewicht zu kommen. Man denke z. B. an seine Sophie Wladimirowna in „Eine sonderbare Geschichte“, das junge Mädchen aus guter Familie, das einem umherziehenden Heiligen in die weite Welt folgt.

Seine Melancholie ist denn weniger eine religiöse, als eine philosophische, zugleich aber ist sie die des Patrioten, der Pessimist geworden. Er war trotz all seines scheinbaren Cosmopolitismus ein Patriot, doch ein solcher, der über sein Vaterland trauerte und an demselben zweifelte. Er wurde desshalb vielfach angegriffen. Dostojewski suchte ihn in der Gestalt Karmásinows in seinem Roman „Die Besessenen“ lächerlich zu machen. So ganz ohne Zutrauen zu der Zukunft seines Vaterlandes war er gleichwohl nicht. Er bewunderte dessen Sprache, wie gewisse Partien seiner Litteratur so lebhaft, dass er günstige Schlüsse darüber zog, was das Volk, das sie hervorgebracht, zu leisten vermöchte. Aber er theilte nicht die Begeisterung seiner naiveren und unwissenderen Landsleute für das russische Volk als solches. Er fand dessen Vergangenheit nicht gross.

Turgenjew schildert irgendwo seine Niedergeschlagenheit, als auf einer der grossen Weltausstellungen ihn die bestimmte Empfindung überkam, wie nichtssagend der Beitrag Russlands zu den industriellen Erfindungen der Menschheit sei, und er fügt bitter hinzu: „Wir haben nichts als die Knute erfunden“. Seine Werke zeigen, dass die Entwicklungsgeschichte des Landes in der neueren und neuesten Zeit weit davon entfernt war, ihm Zuversicht einzuflössen.

Iwan Turgenjew verlor frühe (1834) seinen Vater, Oberst Sergej Nikolajewitsch (aus jener Familie Turgenjew, die Russland schon zwei ausgezeichnete Männer geschenkt hatte) und musste unter dem Regiment seiner herrschsüchtigen, kaltherzigen Mutter vielerlei leiden. Er wurde indess in ländlicher Stille auf dem Stammgute der Familie, Spaskoje, erzogen und empfand frühe die lebhafteste Liebe zur Natur, sowie den leidenschaftlichsten Unwillen gegen die Leibeigenschaft, deren traurige Folgen er stets vor Augen sah.

Er studirte zuerst an der Moskauer, dann an der Petersburger Universität und reiste 1838 nach Deutschland, wo er gleichwie Katkóf und Bakunin Philosophie und Geschichte an der Berliner Universität (bei Michelet, Werder, Ranke u. s. w.) hörte. Nach mehrjährigem Aufenthalt im Auslande kehrte er als Anhänger des westeuropäischen Freisinns nach seiner Heimath zurück, erhielt eine Anstellung in der Kanzlei des Ministeriums des Innern, trat jedoch schon nach Verlauf eines Jahres aus demselben wieder aus, um das freie Leben eines Gutsbesitzers und Jägers zu führen.

Seine erste Jägergeschichte gab er 1847 heraus, auf welche von 1847—51 die übrigen folgten. 1852 erschienen sie gesammelt als „Eines Jägers Tagebuch“ und erregten ein epochemachendes Aufsehen. Ursprünglich war er mit versificirten Sachen als Byronianer und Romantiker aufgetreten, ohne Erfolg und ohne Originalität. In jener ersten Periode fand Alexander Herzen — wie ein Ohrenzeuge mir erzählte — ihn so affectirt, dass er von ihm zu sagen pflegte, dass er nicht einmal essen könne ohne Affectation. Bjelinski riss ihn von Byron, Heine und der Romantik los und führte ihn auf den rechten Weg.

Er gab, was er von Grund aus kannte, russische Natur und russisches Volksleben wieder und lieh seiner Entrüstung über die Leibeigenschaft in den Formen Ausdruck, welche von der Censur gestattet wurden. Dieselbe hat sicher einen günstigen Einfluss auf sein Talent gehabt, mit Nothwendigkeit all' das Vornehme, Aristokratische und Discrete darin entwickelt. Hat er jemals in seiner frühesten Jugend Hang zum directen Pathos, zur Declamation, zu grellen Wirkungen gehabt — stark kann dieser Hang keinesfalls je gewesen sein — so muss das Verhältniss zur Censur denselben getödtet haben. Um Mitleid für die Leibeigenen zu erwecken, um die Rechtlosigkeit zu zeigen, in welcher sie ihr Leben verbrachten, und ein Bild von der Rohheit zu geben, welche, auch ohne Peitsche oder Knute anzuwenden, sie zu Tode misshandelte — erzählte er Bruchstücke aus seinem Tagebuch als Jäger, Besuche bei den Gutsbesitzern oder bei dem Arzte und dazwischen ab und zu eine kleine Geschichte: die Geschichte jener Müllersfrau, welche sich als Mädchen der schwarzen Undankbarkeit schuldig machte, sich verheirathen zu wollen, obgleich ihre Herrschaft, eine engelsgute Dame, verheirathete Dienstboten nicht ausstehen konnte, und welche, da sie das Verhältniss zu ihrem Schatz nicht aufgeben wollte, durch Zwangsheirath mit einem Andern gestraft ward, nachdem man ihren Petruschka unter die Soldaten gesteckt. Oder die Geschichte von dem taubstummen, riesenstarken Bauernknecht Garassim, dessen Geliebte von der gnädigen Frau zum Spass mit einem Trunkenbolde verheirathet wurde, und der seinen Hund, ein kleines mageres Hündchen, Mumu, seinen letzten Trost und seinen einzigen Gefährten in dieser Welt, ertränken musste, weil Mumu zeitweise mit seinem Gekläff die Gnädige aufstörte, wenn sie nach allzu starker Mahlzeit schlaflos dalag. Beide Geschichten sind ohne Reflexionen, ohne irgend ein Urtheil erzählt; der Gram über die gezeigte Brutalität äussert sich nur als Ironie, und diese Ironie verschwindet wieder in der Wehmuth der Totalstimmung.

Das, was Turgenjew's Grundstimmung so reich und eigenthümlich macht, ist, dass er zugleich Pessimist und Menschenfreund ist, dass er die Menschenrace geliebt hat, von der er so gering dachte und welcher er so wenig zutraute. Seine Ueberzeugung ist die, dass in Russland Alles fehlschlage (eine Liebesgeschichte scheint ihm nicht echt russisch, wenn sie nicht durch die Unbeständigkeit des Mannes oder die Kälte der Frau einen unglücklichen Ausgang nimmt; eine Bestrebung scheint ihm nicht echt russisch, wofern sie nicht die Kräfte dessen übersteigt, der sie unternimmt, und an der Unempfänglichkeit derjenigen scheitert, um derentwillen sie geschieht); aber doch kann er nicht umhin, immer wieder haltungslose Liebe und fruchtloses Streben in Russland darzustellen.