Für ihn ist Russland das Land, wo Alles scheitert, das Land des gemeinsamen Schiffbruches. Und sein Grundgefühl ist das schmerzbewegte, stark gemischte eines Zuschauers bei einem Schiffbruche, an welchem er den Gescheiterten selbst die Hauptschuld geben muss. Es ist ein starkes und stilles Gefühl, immer in seinem Ausbruch gedämpft. Niemals ist ein grosser und fruchtbarer Schriftsteller weniger lärmend gewesen als er.

Es liegt in dieser edlen, einfachen Haltung etwas Aristokratisches. Nicht als ob er, wie Lord Byron oder Fürst Pückler, seinen Werken dieses Gepräge wie einen äussern Stempel aufgedrückt hätte; man findet in seinen Büchern nicht das Geringste, was direct an den vornehmen Mann erinnert; aber man bekommt den Eindruck, dass dem Autor die geistige Feinheit angeboren war und dass er immer in der besten Gesellschaft gelebt hat. Er war Weltmann, und man fühlt in seinen Werken jene Lebenserfahrung des Weltmannes durch, welche den Dichtern Deutschlands in der Regel fehlt; aber diese Erfahrung hat ihn nicht wie so manchen Schriftsteller in Frankreich cynisch, noch wie so manchen englischen moralisirend werden lassen. Obgleich er in seiner Erzählerkunst nie den guten Ton verletzt, ist sein Ton doch nicht der Weltton. Selbst seine Verachtung ist keine kalte Verachtung. Da ist immer Seele in seiner Stimme.

Es ist schwer, bündig und bestimmt zu sagen, was Turgenjew zum Künstler ersten Ranges macht. Kurz zusammengefasst liegt es wohl daran, dass seine Darstellung so echt ist. Aber auch dieses Wort bedarf einer Erklärung.

Dass er im höchsten Grade die Eigenschaft des wahren Dichters hat, Menschen hervorzubringen, welche leben, begreift nicht Alles. Was seine künstlerische Ueberlegenheit so fühlbar macht, ist die Uebereinstimmung, welche der Leser empfindet zwischen dem Interesse des Dichters für die geschilderte Persönlichkeit oder dem Urtheile desselben über sie und dem Eindrucke, welchen der Leser selbst von der dargestellten Persönlichkeit empfängt.

Denn dieser Punkt: das Verhältniss des Dichters zu seinen eigenen Gestalten, ist derjenige, wo jede Schwäche, welche er als Mensch oder als Künstler hat, an den Tag kommen muss. Der Dichter kann mancherlei seltene Gaben besitzen; wenn er aber unsere Bewunderung verlangt für das, was nicht der Bewunderung werth ist, wenn er uns Anerkennung für einen Mann oder Mitleid mit einem Weibe, oder Begeisterung für eine That abtrotzen will, ohne dass wir uns veranlasst fühlen, darauf einzugehen, so hat er sich selbst geschwächt und geschadet. Wenn der Romanschriftsteller, dem wir eine zeitlang willig folgten, sich plötzlich weniger kritisch oder mehr empfindsam oder sittlich schlaffer zeigt als wir, da ist es uns, als ob die Darstellung versage. Wenn er eine Person als unwiderstehlich herzgewinnend auftreten lässt, ohne dass wir sie verführerisch finden, oder sie als begabter und witziger schildert, als sie uns zu sein vorkommt, oder wenn er die Person eine kühnere That ausführen lässt, als wir von ihr erwarten konnten, oder die Handlungsweise derselben durch eine Hochherzigkeit erklärt, die uns nie begegnet ist und an die wir in diesem Falle nicht glauben, wenn er uns durch willkürliche, unreife Werthschätzung herausfordert, oder uns durch Kälte empört, oder uns durch Moralisiren reizt, dann fühlt der Leser sich dem Unechten, Versagenden gegenüber und wird zurückgeschreckt; es wird uns, als hörten wir einen falschen Ton, und selbst wenn darüber weg gesungen wird, bleibt das Unbehagen als dumpfe Erinnerung zurück.

Welcher Leser von Balzac, oder Dickens, oder Auerbach — um nur von den grossen Todten zu reden — kennt nicht dies Unbehagen! Wenn Balzac in plumper Begeisterung schwimmt oder Dickens kindisch rührend oder Auerbach affectirt naiv wird, dann fühlt der Leser sich von dem Unechten, Versagenden zurückgeschreckt.

Niemals begegnet Jemand dem künstlerisch Versagenden bei Turgenjew.

Die Aufgaben, welche er sich gestellt hat, sind die allerschwersten. Er verschmäht es, durch romantische Charaktere und abenteuerliche Ereignisse zu fesseln. Nicht weniger verschmäht er den Reiz des Unreinen. Selten oder nie geschieht in seinen Novellen oder Romanen etwas Ungewöhnliches — eine Katastrophe wie der Zusammensturz des Hauses am Schlusse vom „König Lear auf dem Dorfe“ ist eine völlige Ausnahme — und obgleich er niedrigen und schmutzigen Charakteren nicht ausweicht und novellistische Begebenheiten erzählt, welche kein englischer Novellist erzählen möchte, gibt er sich doch nie damit ab, in dem Obscönen umzurühren, wie sonst Schriftsteller, die sich ein für allemal über das Herkömmliche hinausgesetzt haben, sich so oft versucht fühlen. Er war als Künstler ein entschiedener, aber schamhafter Realist.

Sein Hauptgebiet als Schriftsteller nehmen die Geringen, die Schwachen, die Unsteten, die Unzuverlässigen, die Ueberflüssigen und die Verlassenen ein. Er schildert nicht wie Dostojewski das äussere, handgreifliche Unglück, nicht die Armuth, die Rohheit, die Verderbtheit, das Verbrechen, überhaupt nicht das Unglück, das sich von weitem erkennen lässt. Er schildert das Unglück, das sich dem Auge entzieht; er ist insbesondere der Dichter derer, die sich in ihr Schicksal ergeben haben. Er hat das innere Leben des verschwiegenen Kummers, sozusagen das Stillleben des Unglücks gemalt.

Man lese z. B. „Ein Briefwechsel“. Wir lernen hier allmälig ein junges Mädchen kennen, welches allein, unverstanden und von seiner dummen Umgebung verhöhnt, auf einem kleinen Dorfe lebt und eben auf dem Punkte steht, ein altes Mädchen zu werden. Sie hat schon verzichtet. Ihr Verlobter hat sie vor wenig Monaten verlassen. Sie hat ihre Forderungen an das Leben aufgegeben, hat nur den Einen Wunsch nach Ruhe und ist auf dem Wege, Ruhe zu finden. Da beginnt aus Drang, sich mitzutheilen, aus Müssiggang, aus Einsamkeitsgefühl, aus Theilnahme ein Jugendfreund von ihr an sie zu schreiben. Sie antwortet anfangs abweisend. Nach dem Empfange neuer Episteln lässt sie sich die Erlaubniss abnöthigen, dass er fortfahren darf. Er schreibt, und sie weist ihn nun nicht mehr kurz, sondern in einem langen beredten Briefe ab. So keimt das Freundschaftsgefühl in ihrem Innern, und nicht lange ist sie davon erfüllt, als es in Liebe umschlägt. Einen Augenblick lieben sie Beide. Er sehnt sich und schwärmt ihr entgegen, der Tag seiner Abreise und Ankunft ist schon bestimmt — da hört der Briefwechsel auf, er lässt sich von einer Tänzerin entführen, über deren vulgäre Reize er Alles vergisst, und sie sinkt von neuem, aber diesmal so viel tiefer getroffen, in ihre fürchterliche Isolirtheit zurück.