Und doch glaube ich dazu berechtigt zu sein, an dieser Stelle einen höchst interessanten Bräter zu nennen, der sich im Puppenhause C befindet und den ich inFig. 62 abbilde. Auch in diesem Bilde noch wird man erkennen, daß die treibende Kraft an dem oben herausstehenden, in einem Vierkant endenden Stifte einsetzt, und daß dieselbe durch eine doppelte Übertragung, oben direkt und unten im rechten Winkel, den auf den seitlich herausstehenden Stift aufzusetzenden Bratspieß in Drehung erhält. Wodurch aber wird das Gerät getrieben? Ich kann mir nicht anders denken, als daß es durch ein bei dem abgebildeten Stücke verlorenes Flügelrad geschieht, oder durch einen mit schräggestellten Luftlöchern versehenen Hut, wie die selben aus Turbinenanlagen ja genügend bekannt sind, und die durch die vom Herdfeuer aufsteigende heiße Luft in Drehung gebracht wurde.

Somit hätten wir in diesem Stücke also doch einen alten » Windbräter « vor uns, und ich möchte annehmen, daß derselbe identisch ist mit dem, was Schmeller-Frommann einen »Huət-Brater« nennen. Die betreffende Stelle im Bairischen Wörterbuche 2 S. 368 lautet: »Der Brâter = die Vorrichtung zum Braten, besonders der Bratenwender, welcher bald ə̃ Huət-, bald ə̃ Fédeʿ- bald ə̃ Gwicht-Brädər ist. Der gemeine Haufe in München nennt auch die Maschine, wodurch Kinder und wohl auch Erwachsene auf Sitzen, die gewöhnlich die Gestalt von Pferden oder Wagen haben, zur Ergötzung im Kreise herumgedreht werden, einen Brâter, und denkt dabei zunächst an den Huetbrâter in der Küche«[111]. Schon dieser Vergleich läßt keinen Zweifel darüber, daß es sich beim Hutbrater um eine Maschine mit einem oberen runden Aufsatz von horizontaler Drehung handeln muß, und so scheint die Zusammenbringung mit unserem Gerät einleuchtend, sodaß man das Fehlen eines besonderen Artikel »Hutbrater« bei Schmeller nicht mehr allzu schmerzlich empfindet.

Fig. 62. Windbräter aus dem Puppenhause C.

Einen Windbräter hatte offenbar auch Jost Amman im Auge bei den zwei schönen Küchenbildern in M. Rumpolts »Ein new Kochbuch« (Frankfurt a. M. 1587), welche Eingang und Schluß dieses Aufsatzes bilden (vergl.Fig. 43 und65 ), nur schade, daß der Künstler auf Genauigkeit in der Dar stellung des Gerätes hier offenbar wenig Gewicht legte. Das einzige, was man aus den Holzschnitten mit Sicherheit sagen kann, ist das, daß wir hier einen Bratenwender erblicken, bei dem ein mit Schwungrad versehener Bratspieß durch einen Treibriemen in Drehung erhalten wird. Daß die Vorrichtung in Nürnberg zu finden gewesen sei, läßt sich zwar vermuten, ist aber in Rücksicht auf Jost Ammans Lebensgang nicht bestimmt zu behaupten.

Fig. 63. Gewichtbräter aus dem Puppenhause E.

Wann diese Windbräter in Deutschland in Gebrauch kamen, entzieht sich bislang meiner Kenntnis. Früher aber wohl als sie sind die Gewichtsbräter (vergl.Fig. 63 ) aufgekommen. Diese können kaum viel jünger sein als die im Gegensatz zu den Taschenuhren später sogen. »Großuhren«, Gewichtsuhren, die vermittelst eines Gewichtes getrieben werden, welches an einem über eine Trommel gewickelten Stricke hängend, durch seinen Zug den Strick langsam abwickelt und so die Trommel in Drehung erhält. Seit Ende des 14. Jahrhunderts wurden diese Uhren in Deutschland allgemeiner üblich, [in Augsburg setzte man z. B. im Jahre 1398 eine solche Uhr auf den kleinen Turm des Rathauses[112] ] und da nun das Räderwerk der Bräter dem der einfachen Uhren völlig entspricht, so kann ich nur annehmen, daß die Uhr direkt zum Bräter umgewandelt wurde, indem man unter Fortlassung von Zeiger und Zifferblatt die Maschine zur Aufnahme des Bratspießes herrichtete.

Da nun aber das Werk sehr niedrig, nämlich in Herdhöhe aufgestellt werden mußte, so konnte man das Gewicht nicht mehr wie bei der Turmuhr direkt nach unten wirken lassen, sondern man mußte dem Zug stricke eine besondere Leitung geben. Zunächst führte man ihn über eine oberhalb des Herdes an dem Rauchmantel angebrachte Holzrolle, und von da mußte er dann so geleitet werden, daß das Gewicht eine möglichst lange Strecke herunterfallen und demgemäß den Bräter möglichst lange im Gange erhalten konnte. In dem schon erwähnten Rockenbrunn bei Nürnberg lief der Strick von der Rolle am Herdmantel unter der Decke der Küche her, durch die Küchenwand, über den beträchtlich langen Hausflur hinweg, durch die jenseitige Wand in die Magdkammer und hier erst über eine Rolle zur Erde, wo das Gewicht noch in eine eigens dazu gegrabene Grube herabfiel. In Schloß Heimendorf leitete man den Strick aus der Küche des ersten Stockwerkes über die Rolle des Herdmantels durch die Decke bis hinauf zur Decke des zweiten Stockwerkes, von hier in das geräumige Treppenhaus, wo das Gewicht zwischen den Stiegen bis zur Sohle des Hauses herab fallen konnte. Der dortige Bräter brauchte nur einmal aufgezogen zu werden, und er war immer noch nicht ganz abgelaufen, wenn der Braten gar war.

Fig. 64. Federbräter aus dem Puppenhause D.

Jetzt verstehen wir es, weshalb Marperger (S. 686) unter den Herdgeräten neben dem Bräter (lat. automatum, caldarium lebes) auch ein Seil (lat. funis) und eine Rolle (lat. trochlea) aufführt. Alles, was J. R. Bünker (Mitt. d. Anthrop. Ges. Wien XXV, 129) über den »Prat’lpråta« des Bauernhauses in der Heanzerei mitteilt, entspricht völlig meinen Erfahrungen. Gleich ihm mache ich auch darauf aufmerksam, daß »der Brater an der Herdsohle befestigt werden konnte, damit das schwere Gewicht nicht die ganze Maschine in die Höhe ziehe«. Die vier Beine wurden zu diesem Zwecke mit Dornen, wie das Exemplar unserer »Küche« zeigt, oder mit länglichen Schlitzen, wie bei Bünker a. a. O., versehen.

Diese Befestigung war aber natürlich nur bei dem Gewichtbräter nötig, wenn sie auch bei dem Federbräter sich findet, wie z. B. an dem genannten Exemplar der Museumsküche, so beweist das nur, daß sie von dem älteren Gewichtbräter her als nutzlose Erbschaft durch den Federbräter übernommen ist. Letzterer (vgl.Fig. 64 ) wird durch eine Feder getrieben. Dieselbe ist in die untere Trommel eingespannt und wird dadurch aufgezogen, daß man einen an der Trommel befestigten und über ihn gewickelten Strick auf die darüber befindliche Rolle wickelt. Die Drehkurbel, ausFig. 62 ersichtlich, fehlt bei dem Stücke von D. Ebenso ist dort ein großes Zahnrad abgebrochen, welches an der Bratspießseite des Bräters die zur Befestigung des Bratspießes vorstehenden Patrizen mit den kleinen Zahnrädchen in Drehung versetzt. Trotz dieser mangelhaften Erhaltung glaubte ich doch, das Stück zur Abbildung wählen zu sollen, weil daraus der ganze Aufbau sehr deutlich klar wird, und weil mit ihm die merkwürdige zum Bratspießhalter adaptierte Träufelpfanne verbunden ist, ein wie es scheint seltenes Gerät, welches meines Wissens der modernen Hausforschung hier zum erstenmale begegnet.