Völlig fremd ist für Augsburger Miniaturen die Contourierung und völlige Untermalung der Randflächen, wie dies mehr niederländische Art ist. An solche Vorbilder erinnern hier auch die feinen moosartigen, gern in Gold gemalten Arabesken, während die bunten, vielfach verkreuzten Schnürgeflechte an orientalische Ornamente denken lassen.

Man darf also annehmen, daß der Miniator durch verschiedene fremde und prächtige Vorlagen von der typisch ausgeprägten und fein überlegten Augsburger Art etwas abkam. Diese Blätter erinnern deshalb an ein kleines Gebetbuch, das 1498 durch »Leonharthen Schielin der zeit burger zu Augspurg« vollendet wurde[119]. Beide Miniatoren arbeiteten reicher aber auch flüchtiger als dies sonst der Fall in etwa gleichzeitigen kirchlichen Handschriften Augsburgs.

Mehrere Initialbilder des Codex l. M. 23161 stimmen übrigens mit gleichen Darstellungen auf unsern Blättern merkwürdig überein. So das Initialbild auf Blatt 3 (S. Andreas) mit dem dort befindlichen Initial F auf fo. 119. Ebenso könnte das Initialbild auf Blatt 4 als Nachbild von jenem auf fo. 475 angesehen werden. Ganz unmöglich wäre es nicht, daß beide Arbeiten wegen des kennzeichnenden Mangels an Strenge, Einfachheit, solider Technik, nach eingehenderem Vergleich dem gleichen Miniator zuzuschreiben sind. Eine ganze Reihe von Einzelheiten weisen auf die Herkunft unserer Blätter aus Augsburg noch näher hin. Auf Blatt 7 ist zufällig das Initialbild der hl. Afra, der Schutzheiligen von Augsburg. Blatt 4 ziert ein Initialbild mit dem hl. Simpertus, dem Bischof von Augsburg, dessen Gebeine 1494 im Dome gefunden wurden.

Weshalb aber wurden 1853 diese Miniaturen sofort einem noch heute unbekannten Augsburger Maler Johannes Gutlinger (Giltlinger) zugeschrieben?

Auf Blatt 1 (das ausnahmsweise nur rot in rot auf Goldgrund illuminiert) finden sich auf einem blumenkelchartig verschlungenen Bande Initialen, Namen und Zahlen. Auf der dunkleren Seite steht C W 1489, auf der helleren Johannes Giltlinger ate. Aufseß las: 1487 und Gutlinger. Die Abbreviatur glaubte er als fecit lesen zu dürfen. Die erste Silbe des Familiennamens läßt beide Lesarten zu, die Jahreszahl kann nur 1489 bedeuten. Die Abbreviatur ist für abate zu lesen — actum wäre wenigstens befremdlich.

Taf. I.

Blatt aus einem Augsburger Plenar von 1489.
Germanisches Nationalmuseum. Min. No. 5.


GRÖSSERE ANSICHT

Während Aufseß bei Gutlinger sofort an die Familie des Gumpolt Giltlinger dachte, erklärt er die Initialen C. W. überhaupt nicht.

Ohne Weiteres halte ich, da sich ja viel häufiger der Besteller als der Verfertiger der Handschriften genannt findet, den Namen Johannes Giltlinger für den des von 1482–1494 regierenden Abtes, die Initialien C. W. aber für die Zeichen des Schreibers oder Miniators. Diese Initialien kommen nochmals auf Blatt 2 vor. Auf dem Rande desselben ist ein eingerahmtes Bild Christi (Schweißtuch der Veronica?) gelb auf schwarzem Grunde gemalt. In Majuskeln steht oben neben dem Christuskopf I. B. In zweiter Reihe rechts und links neben dem Kopfe C. W. Über dem Kopfe 1489. — Aufseß las die Jahreszahl, die sicher die Entstehung des Codex angibt, auch hier 1487. Die Buchstaben las er J. G. und C. W. J. G. könnte wohl niemand anders als Johannes Giltlinger bedeuten, während ich für die Initialen I. B. leider keine Erklärung vorläufig zu geben weiß. In C. W. erkenne ich dagegen hier die Initialen des Schreibers oder Miniators, der kein anderer sein dürfte als der Klosterbruder von St. Ulrich & Afra: Conrad Wagner.