Dieser Conrad Wagner wird in seines Confraters Wittwers, kunstgeschichtlich äußerst ergiebigem Catalogus Abbatum SS. Udalrici et Afrae Augustensis[120] mehrfach erwähnt. Er berichtet (Steichele pag. 302), daß fr. Leonhard Wagner 1479–1480 ein Missale schrieb: »Et illud Missale illuminavit et corporavit preciose fr. Conradus Wagner professus huius loci nacione de Ellingen prope Weyssenburg versus Neurenberga. Similiter alios libros plures sc. Breviaria, Diurnalia ac Missale Domini Johannis de Giltlingen abbatis nostri illuminavit et corporavit. Fuit enim in illa arte preciosus ac peritus.« Conrad Wagner ist übrigens kein leiblicher Bruder des als »Optimus scriptor« als »scriba incomparabilis«[121] gerühmten Leonhard Wagner alias Wirstlin, von dem z. B. jenes große Psalterium (jetzt Augsburg Cod. in Fo. 49a) geschrieben wurde.

Über eine große Arbeit des Conrad Wagner — der gar einmal percelebris pictor genannt wird, berichtet Wittwer (Steichele pag. 353) ausführlich. Danach begann Leonhard Wagner 1489 ein großes Graduale zu schreiben, das er nach Palmarum 1490 beendete. Dieses Graduale »illuminierte« wiederum fr. Conrad Wagner »pulchre ac preciose diversis picturis et ymaginibus in locis eiusdem libri convenientibus et figuris aptis ad festa Christi b. Virginis et aliorum sanctorum per circulum anni.«

Obwohl die Blätter unseres fragmentierten Codex ohne Noten und nicht zum eigentlichen Graduale gehört haben, so darf doch angenommen werden, zumal im Bericht Wittwers zu gleicher Zeit keiner ähnlich großen Arbeit, wie sie diese Blätter andeuten, Erwähnung geschieht, daß sie zu dem hier ausführlich erwähnten, von fr. Conrad illuminierten Codex gehören. Keinesfalls hätte der Chronist, der so eifrig über alle künstlerischen Arbeiten des Klosters und des Domes berichtet, vergessen, die Fertigstellung eines Codex in der Art dieser Blätter zu erwähnen, ganz abgesehen davon, daß dem Conrad Wagner keine Zeit geblieben wäre, neben der von Wittwer erwähnten Arbeit eine zweite, gewiß gleich große zu vollenden. Zwischen 1489 und 1490 müssen aber diese Blätter entstanden sein. Dem scheint zwar eine Inschrift auf Blatt 5 zu widersprechen. Dort steht als Umschrift eines siegelartigen Medaillonstückes (Knappes Brustbild eines Kindes) »Anno Domini Millesimo CCCC oct o.«

Aufseß hätte hier wohl lieber die Jahreszahl in 1487 ergänzt, denn er meinte »das Übrige habe der Mangel an Raum nicht erlaubt, hinzuzufügen«. Wenn ich 1490 statt 1480 lesen möchte, so geschieht es nur insofern in Übereinstimmung mit Aufseß, als 1480 keine auf den Codex bezughabende Zahl sein kann. Entweder war unser Miniator so in seine Arbeit vertieft, daß er gedankenloser Weise das letztverflossene Dezennium angab, oder er wußte thatsächlich nicht, wie Aufseß annahm, eine andere Zahl in den gegebenen Raum hineinzucomponieren. So wird durch die Wahl des ersten Jahres eines neuen Decenniums (ein psychologisch leicht erklärlicher Irrtum) die Vollendung des 1489 begonnenen Codex im Jahre 1490 wahrscheinlich, denn unser Blatt 5, mit der Lection für Allerheiligen, bildete eines der letzten des mehr als 210 Blätter zählenden Codex.

Sollte etwa die Jahreszahl 1480 absichtlich und bewußt gewählt worden sein, so ändert dies an dem Datum der Fertigstellung des Codex nichts und wir könnten in dem abgebildeten Medaillon nur die Abbildung einer so umschriebenen Münze sehen.

Nach Stil und Inschriften sind also Ort, Zeit und Miniator der Blätter genug bestimmt. Überdies findet sich auf Blatt 7 das Wappen des Stifters der Reichsabtei von St. Ulrich & Afra in Augsburg.

Eine als Gegenstück gemalte Steinmetzzeichenartige Figur auf weißem Wappenschilde habe ich nicht bestimmen können. Es stellt ein gleichschenkliges, spitzwinkliges Dreieck dar, dessen untere kurze (Basis-)Seite nach rechts um etwa die Hälfte verlängert ist und rechtwinklig nach unten abbiegt. — Unerklärt bleiben auch die im Buchstabengestell des Initialbildes S (Bl. 9) in Gold gezeichneten Majuskeln M H und E G. Die Initialien M H und I. M H finden sich im Cod. lat. Mon. 4302 der 1459 in Augsburg illuminiert wurde, dieselben Initialen finden sich in einem von Chytil 1896 publizierten Tafelwerk böhmischer Miniaturen (Auf e. Miniatur von 1517)[122]. In keinem Falle scheinen diese Initialen den Miniator oder Schreiber anzudeuten, wenigstens habe ich in den von Wittwer und Anderen gelegentlich aufgeführten Listen der Mönche von St. Ulrich & Afra keinen Namen, dem diese Initialen zukommen könnten, aufgefunden.

Als sicher bleibt, daß diese Blätter einem im Kloster St. Ulrich & Afra unter Abt Johannes von Giltlingen von Conrad Wagner 1489/1490 illuminierten Codex entstammen.

An die noch nicht näher erörterten Initialen J. B. sind hier einige Bemerkungen zu knüpfen, da sich im Germanischen Museum ein ganz prächtig illuminiertes und kostbar eingebundenes Lectionar (3135b) befindet, in dem ich ohne Weiteres die Art und Hand des Augsburger Meisters Jörg Beck erkenne. Diese Zuweisung stützt sich auf genauen stilistischen Vergleich mit den, in den Studien zur Deutschen Kunstgeschichte Heft 25, eingehend gekennzeichneten Arbeiten desselben Meisters und seines Sohnes vom Jahre 1495. Es genüge hier nur der Hinweis auf Einiges, was diese Miniaturen besonders als Arbeiten des Jörg Beck erkennen läßt.

Abgesehen von den vielen kleinen Federschnörkelchen zwischen den Randverzierungen, die die Entstehung dieser Handschrift nach 1495 vermuten lassen, ist besonders im Randschmuck die feine Verteilung der Maßen, die Vermeidung aller ausgeprägt grellen oder auch allzuzarter Farben, die unauffällige Belebung der Ranken durch recht lebendig aufgefaßte Tiere[123], für die Art des Georg Beck bezeichnend.