Die Darbietung des Materials ist nach chronologischen Gesichtspunkten erfolgt. Die zusammengehörigen Arbeiten sind auch zusammen behandelt, während die auf nicht heimischen Ursprung zurückgehenden Werke an den Schluß gestellt sind.

Die Beschreibung ist so knapp wie möglich gehalten, das Hauptgewicht aber auf die Darlegung der zum Ausdruck gekommenen, rein künstlerischen Vorgänge gelegt, was um so eher möglich war, als das 1898 erschienene Werk zum Teil ausführliche Beschreibungen überflüssig macht. Matthaei will »den natürlichen Inhalt des künstlerischen Triebes« zum Bewußtsein bringen, in dem er die Worte Wölfflins beherzigt: »Das Natürliche wäre, daß jede kunstgeschichtliche Monographie zugleich ein Stück Ästhetik enthielte.«

Zunächst wird eine eingehende Untersuchung des Gegenständlichen gegeben. Im Anschluß daran beantwortet der Verfasser die Frage: Was hat der Künstler gewollt? Handelt es sich um irgend eine künstlerische Absicht, so bespricht er die Mittel, welche der Künstler angewandt hat, um diese seine Absicht zum Ausdruck zu bringen. Naturgemäß verbindet sich hiermit die Frage nach einer größeren oder geringeren Selbständigkeit des Künstlers. Im Zusammenhang damit wird auch das technische Verfahren des Näheren beleuchtet. Den Schluß bildet endlich eine Zusammenstellung dessen, was über Alter und Herkunft des Werkes gefunden wurde oder herausgebracht werden konnte. Daß wir auf diese Weise am Besten einen Einblick in den besonderen Charakter der Schleswig-Holsteinschen Holzplastik und in das Können der heimischen Meister gewinnen, braucht nicht erst besonders betont zu werden. Die Sorgfalt und die Vorsicht in seinen Untersuchungen lassen Matthaei als völlig vertraut mit der behandelten Materie erscheinen.

Der bedeutendste Meister der Schleswig-Holsteinschen Holzplastik ist unstreitig Hans Brüggemann, der Schöpfer des weltberühmten Hochaltars im Dome zu Schleswig. Es sei mir gestattet, auf das Leben und die Werke dieses kunstfertigen Meisters, welchem erst die neueste Forschung seine richtige Heimat zugewiesen hat, etwas näher einzugehen und vor allen Dingen seine Beziehungen zu Albrecht Dürer darzulegen, wobei ich mich teils auf die Ausführungen Matthaeis, teils auf eigene Untersuchungen stützen werde.

Von Heinrich Rantzau[150], welcher als weitgereister Humanist ein feines Verständnis in Sachen der Kunst besaß und als der Erste Nachrichten über Brüggemann bringt, hat bis vor Kurzem die unumstrittene Ansicht geherrscht, daß unser Meister in dem im Jahre 1608 zur Stadt erhobenen Orte Husum[151] in der Provinz Schleswig-Holstein das Licht der Welt erblickt habe. Diese Nachricht hat seitdem in der kunstgeschichtlichen Litteratur festen Fuß ge faßt und sich von einem kunstgeschichtlichen Werk zum anderen als eine unumstößliche Gewißheit fortgeerbt. Ich hatte bereits bei einer Durcharbeitung der im Hannoverschen Stadtarchiv aufbewahrten nachgelassenen Schriften des um die Geschichte seiner Gegend hochverdienten Walsroder Bürgermeisters Grütter Gelegenheit, Brüggemanns Thätigkeit in dem nördlich von Hannover im Kreise Fallingbostel gelegenen Städtchen Walsrode feststellen zu können. Die darauf bezügliche Urkunde, welche Grütter schon gekannt haben muß, ist nun jüngst vom Königlichen Staatsarchiv zu Hannover erworben und vom Archivrat R. Doebner im Repertorium für Kunstwissenschaft[152] sowie nochmals in der Zeitschrift des historischen Vereins für Niedersachsen, Jahrgang 1901, veröffentlicht worden. Aus derselben geht mit aller Bestimmtheit hervor, daß Brüggemann nicht in Husum geboren ist, sondern daß Walsrode in der Lüneburger Heide diese Ehre für sich in Anspruch nehmen darf. Der Druck von Matthaeis Werk war fast vollendet, als die Publikation Doebners erschien. Die vor diesem Funde gemachten Erwägungen konnten aber ruhig im Satz stehen bleiben, da seine Darlegung mit der Möglichkeit einer solchen Entdeckung von vorne herein rechnet.

Fassen wir nun die auch von Matthaei S. 157 mitgeteilte Urkunde näher ins Auge! Es war am 5. August des Jahres 1523, als zwischen dem Propst, dem Rat und den Älterleuten der Klosterkirche zu Walsrode einerseits und Hans Brüggemann anderseits (»und mester Hansze Bruggeman uppe ander deil«) über die Anfertigung eines Schreins zum Frühmessenaltar in der Kirche zu Walsrode ein Kontrakt abgeschlossen wurde. Der Meister verpflichtet sich darin, im Hauptschrein die Himmelfahrt Mariae mit den zwölf Aposteln, in den beiden Flügeln und der Predella den Patron des Klosters, Johannes den Täufer, mit den anderen Patronen des Altars darzustellen; und zwar soll er nur das Schnitzwerk fertigen »uthgenomen dat stofferenth und malenth.« Brüggemann erklärt sich mit einer Vergütung von 55 Gulden einverstanden, selbst wenn nach Fertigstellung seiner Arbeit hinzugezogene Sachverständige den Wert höher bestimmen sollten, und das deswegen, weil er in Walsrode geboren sei und seine Eltern dort begraben habe. (»Nach deme he ein Walszroder kinth geboren und sine fruntlyken leven olderen hyr by uns begroven helft.«) Leider ist von diesem Altarwerk, welches Brüggemann, auf der höchsten Stufe seiner künstlerischen Entwicklung stehend, geschaffen hat, nichts auf uns gekommen. Auch Grütter, der feinste Kenner der Geschichte jener Gegend, weiß nichts Weiteres zu berichten. Nur das erfahren wir von ihm, daß der Altar im Jahre 1625 vom Kloster und von der Stadt nach dem südwestlich von Walsrode gelegenen Pfarrdorf Kirchboitzen verkauft worden sei. Aber über den Anlaß zu dieser Veräußerung hören wir nichts. Zu Mithoffs Zeit war der Altar bereits nicht mehr vorhanden[153].

Diese Urkunde ist neben der Inschrift am Bordesholmer Altar, nach welcher derselbe im Jahre 1521 vollendet wurde (»Opus hoc insigne completum est anno incarnationis dominice 1521 ad dei honorem«), die einzige unanfechtbare Nachricht über des Meisters Lebenszeit.

Über Brüggemanns Leben selbst (siehe besonders Matthaei S. 152 ff.) ist nur wenig bekannt, und dieses Wenige ist noch dazu bereits vom Schleier der Sage umwoben. Zunächst kommen die Aufzeichnungen Heinrich Rantzaus in seiner 1597 vollendeten cimbrischen Landesbeschreibung in Betracht. Er berichtet, daß unser »praestantissimus pictor et caelator Joannes Brugmannus« im Jürgenshospital für alte Leute zu Husum die letzten Tage seines Lebens in größter Dürftigkeit verbracht habe, auch dort gestorben und begraben sei. Er soll in seinem Alter erblindet sein und in großer Armut gelebt haben[154]. Es geht auch die Sage, die Lübecker Prioren hätten ein ähnliches Werk haben wollen wie den Bordesholmer Altar, die Bordesholmer Mönche aber hätten, um dies zu verhindern, Brüggemann des Augenlichtes beraubt[155]. Wer aber Brüggemanns Lehrmeister gewesen ist, und wie sich sein Bildungsgang vollzogen hat, darüber berichtet uns keine geschriebene Quelle. Um so mehr sprechen des Künstlers Werke. Allerdings ist auch von diesen nur ein geringer Bruchteil auf uns gekommen. Ich werde im Folgenden zunächst die Brüggemann zugeschriebenen und noch erhaltenen Werke zusammenstellen, um dann die Nachrichten über das, was er sonst noch geschaffen haben soll, zu bringen.

Des Meisters größtes Werk ist der jetzt im Dome zu Schleswig befindliche Hochaltar. Derselbe war ursprünglich für die Kirche des reichen, südlich von Kiel gelegenen Chorherrenklosters Bordesholm bestimmt, welche auf herzoglichen Befehl im Jahre 1514 ausgebaut wurde[156]. Sieben volle Jahre soll Brüggemann dem Bericht des Coronaeus zufolge mit seinen Gesellen an dem Werke gearbeitet haben[157]. Auch weiß er uns zu erzählen, daß der Künstler die einzelnen Stücke seines ganz aus Eichenholz geschnitzten und der Bemalung entbehrenden Altars, um sie widerstandsfähiger zu machen, mit Öl abgekocht habe. Rantzau gedenkt in seiner Holsatiae descriptio[158] in anerkennenden Worten des Altars: »Praeter alia autem monumenta, quibus templum [Bordesholmense] abundat, tabula ibidem arae imposita conspicitur, quam Joannes Brugmannus Husensis (!) (qui haud minori artificio tabulam insignem in templo Segebergensi existentem sculpsit) anno 1521 tanta arte atque industria elaboravit et expolivit, ut nullum huic simile opus multi, qui maximam Germaniae partem perlustrarunt, se vidisse attestentur.«

Der Sturm der Zeiten ist auch an dem Altar nicht ganz unbemerkt vorbeigerauscht. Im dreißigjährigen Kriege haben die Kaiserlichen »etliche gute Stücke« mitgenommen, darunter auch die Monstranz aus dem Schrein in der Mitte der Pedrella[159]. Als die Bordesholmer Schule bei der Gründung der Kieler Universität im Jahre 1665 aufgehoben wurde, sollte der Altar die längste Zeit an seiner alten Stelle gestanden haben. Auf Anordnung des Herzogs Christian Albrecht zu Gottorf, welchem das säkularisierte Kloster gehörte, wurde er im darauf folgenden Jahre nach dessen Residenzstadt Schleswig geschafft und im dortigen Dome aufgestellt. Der Transport wurde nach einem vom Archivrat Dr. Hille zu Schleswig mitgeteilten Orginal[160] vom Bildhauer Claus Eib und vom Zimmermann Friedrich Tamsen bewerkstelligt, welche zusammen am 6. Februar 1666 nach Bordesholm reisten, »allda das schöne weit berühmte Altar nach allem besten möglichen Fleisz und Behendigkeit unverletzt oder Zerbrechung einiger dinge davon durch Gottes Gnade von einander genommen, daselbe auch glücklich und wol durch behutsame Einpackung und Führung den 28 Februarii allhie in die Thumkirche eingebracht.« Und weiter heißt es dort: »In wehrender Abbrechung haben wir uns keiner Müh weder frü noch spat verdrisen lasen sondern mit grosser Sorgfalt und Gefahr unsers Leibs und Lebens die Arbeit treulich verrichtet, welches uns allda der Herr Hausvogt und alle anwesende, so stets bei uns in Gegenwart gewesen, gut Zeugnisz können geben.«