Ein anderes Schnitzwerk Brüggemanns, welches sich in der Kirche zu Neumünster befunden hat, ist zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu Grunde gegangen. »Idem dicitur monumentum in templo Neomonasteriensi conspicuum condidisse«, so berichtet Coronaeus. Dasselbe zeigte in vergoldeten Figuren auf Goldgrund unter Anderem die Verkündigung, auf welcher Gabriel ein Schriftband mit »lombardischen« Buchstaben[168] hielt.

Fig. 3.
Kreuzabnahme vom Bordesholmer Altar.

Auch eine große Holzstatue des hl. Christoph ist als Brüggemannsche Arbeit bezeichnet worden[169].

Endlich sei auch noch der für die Klosterkirche in Walsrode gefertigte Frühmessenaltar genannt, welcher etwa im Jahre 1525 vollendet sein wird.

Fig. 4.
Christi Höllenfahrt aus Dürers kleiner Holzschnittpassion.

Brüggemanns Hauptwerk, der Bordesholmer Altar, erscheint trotz der Mannigfaltigkeit und der reichen Fülle seiner Darstellungen, von Kleinigkeiten abgesehen, wie aus einem Guß gearbeitet. Wenn auch hie und da die Hand des Gesellen bemerkbar wird, so atmet doch das Ganze einen einheitlich schaffenden Geist. Doch hat nun Brüggemann dieses gewaltige Werk vollständig aus sich selbst heraus geschaffen, oder hat er Motive anderer, besonders zeitgenössischer Künstler benutzt? Die Gesamtheit der Anlage, die Anordnung der Kompositionen im Einzelnen ist Brüggemanns Werk. Sämt liche Darstellungen tragen den Stempel einer scharf ausgeprägten Persönlichkeit. Und doch zeigt auf der anderen Seite die nähere Betrachtung, daß nicht nur einzelne Motive, sondern auch ganze Scenen aus Dürers kleiner Holzschnittpassion entlehnt sind.

Fig. 5.
Christi Höllenfahrt vom Bordesholmer Altar.

Fassen wir zunächst die Darstellungen ins Auge, welche wie Übertragungen des Holzschnittes ins Plastische erscheinen! Dahin gehören die Kreuzabnahme, Christus in der Vorhölle und der Weltenrichter. Fig. 2 zeigt die Kreuzabnahme bei Dürer, Fig. 3 dieselbe bei Brüggemann. Die Verwandtschaft zwischen beiden ist evident. Nur hat letzterer einen etwas späteren Moment als Dürer gewählt. Der Körper ist bereits vom Kreuze losgelöst, und seine ganze Last ruht auf den Schultern des die letzte Sprosse erreichenden Knechtes. Gründe der Plastik werden es sein, welche Brüggemann zur Wahl eines späteren Augenblicks bestimmt haben, zumal das Tuch, mit dessen Hülfe bei Dürer der Leichnam vom Kreuze heruntergelöst wird, sich schlecht zu einer plastischen Darstellung geeignet hätte. Überaus groß ist auch die Ähnlichkeit, welche zwischen der Darstellung von Christi Höllenfahrt bei Dürer in Fig. 4 und derjenigen bei Brüggemann in Fig. 5 besteht. Die Abbildungen ersparen uns weitere Worte. Auch die Figur Christi als Weltenrichters ist bei beiden Künstlern fast die gleiche.

Eine zweite Gruppe von Darstellungen zeigt eine freiere Benützung der Dürerischen Vorlage, indem Brüggemann teils nur die Gruppierung der Scene, teils einzelne Züge und Gestalten von Dürer entlehnt hat. Dahin gehören das aus zwei Holzschnitten zusammenkomponierte Abendmahl, der Judaskuß, Christus vor Caiphas, die Geißelung, die Dornenkrönung, das Ecce homo, die Handwaschung Pilati, die Kreuztragung, die Grablegung, die Auferstehung, die Erscheinung vor den Jüngern, sowie die Ausgießung des heil. Geistes. Es überraschen die zahlreichen kleinen gemeinsamen Motive. Im Verrat des Judas ist sowohl bei Dürer wie bei Brüggemann Christi linke Hand um den Zeigefinger der rechten geschlossen. In der Darstellung Christi vor Caiphas hebt in beiden Fällen der eine der Wächter mit höhnender Miene die Hand, um den Erlöser ins Gesicht zu schlagen; Caiphas zerreißt sein Gewand, wobei sein Mund weit geöffnet ist. In der Geißelung stehen bei Dürer wie bei Brüggemann neben dem an eine Säule gebundenen Heiland zwei Büttel, von welchen ihn der eine mit einer Rute schlägt, während der andere die seinige mit einem metallenen Instrument zurecht macht; Pilatus steht mit übereinander geschlagenen Armen als Zuschauer dabei. Bei der Dornenkrönung hält der eine der beiden Kriegsknechte mit einer langen Zange die Dornenkrone auf dem Haupte fest, während der andere durch Schläge mit einem Stabe die Dornen in das Haupt Jesu treibt. Bei dem Ecce homo ist der rundbogig geschlossene, logenartige Bau gemeinsam, von welchem Christus dem Volke gezeigt wird. In Pilati Handwaschung wird Christus sowohl bei Dürer wie bei Brüggemann nach rechts hin abgeführt; ähnlich ist besonders der Kriegsknecht zu seiner Rechten: in beiden Darstellungen die gleiche, zum Wegschreiten gewandte Stellung, ähnlich behandelte Kleidung, das mit gleicher Kopfbedeckung versehene Haupt rückwärts gewandt. Aber ich will den Leser nicht durch eine weitere Aufzählung gemeinsamer Motive ermüden. Nur die Art und Weise, wie Brüggemann seine Vorlage benützt hat, möchte ich noch in kurzen Worten kennzeichnen. Brüggemann hat Dürer nicht etwa kopiert. Diese Annahme wäre eine durchaus irrige! Vielmehr hat Brüggemann dem von Dürer entlehnten Motiv stets den Stempel seiner kraftvollen Persönlichkeit aufgedrückt und es in seinem Geist und mit seiner bil denden Hand zu einer Schöpfung gestaltet, welche seiner Eigenart in jeder Beziehung gerecht wird: Bei jeder Figur, bei jeder Bewegung, und wo es auch sonst sein mag, kommt stets die eigenartig wuchtige Kraft seiner Persönlichkeit in hohem Grade zum Ausdruck. Seine Darstellung der Kreuztragung (Fig. 6) dürfte das von mir Gesagte zur Genüge illustrieren. Auch ist Brüggemann, wie Matthaei nicht mit Unrecht besonders betont, dem Dürerischen Vorbild gegenüber meist maßvoller und ruhiger. »Daher ist es auch nicht angebracht, die »dramatische Lebendigkeit« in dem Charakter Brüggemanns so stark zu betonen« (Matthaei). Er ist figurenreicher als Dürer, aber nicht bewegter. »Gewiß ist Leben in seinen Darstellungen; aber das, was ihn vor anderen Zeitgenossen charakterisiert, ist weit mehr die durch die Komposition, wie durch die Einzelheiten herbeigeführte, getragene Stimmung.«

Fig. 6.
Kreuztragung vom Bordesholmer Altar.