TAMBOURMAJOR: Als ob man in ein' Ziehbrunnen oder zu einem Schornstein hinunter guckt. Fort, hintendrein! -

Das Innere der hellerleuchteten Bude

MARIE: Was Licht!

WOYZECK: Ja, Marie, schwarze Katzen mit feurigen Augen. Hei, was ein
Abend!

DER BUDENBESITZER [ein Pferd vorführend]: Zeig dein Talent! Zeig deine viehische Vernünftigkeit! Beschäme die menschliche Sozietät! Meine Herren, dies Tier, was Sie da sehn, Schwanz am Leib, auf seine vier Hufe, ist Mitglied von alle gelehrt Sozietät, ist Professor an unsre Universität, wo die Studente bei ihm reiten und schlagen lernen. - Das war einfacher Verstand. Denk jetzt mit der doppelten Raison! Was machst du, wann du mit der doppelten Raison denkst? Ist unter der gelehrten Société da ein Esel? - [Der Gaul schüttelt den Kopf.] - Sehn Sie jetzt die doppelte Raison? Das ist Viehsionomik. Ja, das ist kein viehdummes Individuum, das ist ein Person, ein Mensch, ein tierischer Mensch - und doch ein Vieh, ein Bête. - [Das Pferd führt sich ungebührlich auf.] - So, beschäme die Société. Sehn Sie, das Vieh ist noch Natur, unideale Natur! Lernen Sie bei ihm! Fragen Sie den Arzt, es ist sonst höchst schädlich! Das hat geheißen: Mensch, sei natürlich! Du bist geschaffen aus Staub, Sand, Dreck. Willst du mehr sein als Staub, Sand, Dreck? - Sehn Sie, was Vernunft: es kann rechnen und kann doch nit an den Fingern herzählen. Warum? Kann sich nur nit ausdrücken, nur nit explizieren, ist ein verwandelter Mensch. Sag den Herren, wieviel Uhr ist es! Wer von den Herren und Damen hat ein Uhr? ein Uhr?

UNTEROFFIZIER: Eine Uhr? - [Zieht großartig und gemessen eine Uhr aus der Tasche:] Da, mein Herr!

MARIE: Das muß ich sehn. - [Sie klettert auf den ersten Platz;
Unteroffizier hilft ihr.]

TAMBOURMAJOR: Das ist ein Weibsbild.

Mariens Kammer

MARIE [sitzt, ihr Kind auf dem Schoß, ein Stückchen Spiegel in der Hand]: Der andre hat ihm befohlen, und er hat gehen müssen! - [Bespiegelt sich:] Was die Steine glänzen! Was sind's für? Was hat er gesagt? - - Schlaf, Bub! Drück die Augen zu, fest! - [Das Kind versteckt die Augen hinter den Händen.] - Noch fester! Bleib so - still, oder er holt dich! - [Singt:] Mädel, mach's Ladel zu 's kommt e Zigeunerbu, führt dich an deiner Hand fort ins Zigeunerland. [Spiegelt sich wieder.] - 's ist gewiß Gold! Wie wird mir's beim Tanzen stehen? Unsereins hat nur ein Eckchen in der Welt und ein Stück Spiegel, und doch hab ich ein' so roten Mund als die großen Madamen mit ihrem Spiegeln von oben bis unten und ihren schönen Herrn, die ihnen die Händ küssen. Ich bin nur ein arm Weibsbild! - [Das Kind richtet sich auf.] - Still, Bub, die Augen zu! Das Schlafengelchen! Wie's an der Wand läuft. - [Sie blinkt ihm mit dem Glas:] Die Auge zu, oder es sieht dir hinein, daß du blind wirst!