Abb. 204. Wasserträger schöpfen aus einem Brunnen,

der vor Ostern durch die Kirche gesegnet wurde.

Das Liebesleben der Mexikaner setzt sehr frühzeitig ein und entbehrt nicht der Romantik, wie sie den Bewohnern des Mutterlandes Spanien eigentümlich ist. Mit vierzehn Jahren pflegt das Durchschnittsmädchen bereits verheiratet zu sein oder hat wenigstens einen Liebhaber. Solche Verbindungen werden im allgemeinen nicht als unsittlich aufgefaßt; dafür ist der Mexikaner doch zu sehr Kavalier, als daß er das Nichtbestehen einer gesetzmäßigen Ehe zum Vorwand nehmen sollte, sich einer etwa daraus entspringenden Verantwortlichkeit zu entziehen.

Das Leben der Frau spielt sich auf dem Felde oder in der Häuslichkeit ab. Sie bebaut den Acker und verrichtet die Hausarbeit; sie spinnt den Faden der Agave und mahlt das Korn, um daraus Tortillas oder flache Kuchen, die Lieblingspeise des Mexikaners, im Hause zu backen. Sie besorgt das Reinigen der Wäsche am Flußufer, sieht nach den Kindern und geht auf den Markt, sowohl um einzukaufen, wie auch um zu verkaufen. Hier hockt sie in einer höchst einfachen Bude, unter einer Matte, die als Schutz gegen die brennende Sonne auf vier Pfosten ruht, und bietet singend ihre Waren feil, die auf einer auf der Erde vor ihr ausgebreiteten zweiten Matte untergebracht sind. Der Herr Gemahl tut indessen nichts: er lungert umher und raucht beständig Zigaretten; außerdem besucht er eifrig die Pulquerias, an denen eine rote Fahne ihm anzeigt, wenn dort frischer Pulque zu haben ist. Er lebt im übrigen, ebenso wie seine bessere Hälfte, sorglos dahin und nimmt das Leben leicht.

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 205. Die Verbrennung des Judas, der wichtigste Vorgang während der Karwoche in Mexiko.

Auf ein gegebenes Zeichen flammen auf allen Plätzen Raketen und Feuer auf, in deren Mitte den Verräter darstellende Figuren aufgestellt sind. Judas wird als die Verkörperung des bösen Geistes angesehen.

Der Tod wirft nur vorübergehend einen Schatten auf seine Lebenslust. Von den ärmeren Volksklassen wird der Sarg oft für die Bestattung gemietet; es ist dies auch nur ein leichter Behälter, denn im allgemeinen dürfen die Gebeine der Toten nur ein paar Jahre in der Erde liegen, außer wenn man an die Kirche besondere Zahlungen macht. Aber stets muß eine Messe gelesen und Blumenopfer (an Stelle der sonst üblichen Kerzen) dargebracht werden; auch eine äußere Bekundung der Trauer durch schwarze oder lila Gewänder ist üblich. In den abgelegenen Indianerdörfern, die seit den Tagen der Eroberung wenig berührt wurden, nehmen die Bewohner, wie es scheint, noch altaztekische Gebräuche bei der Beerdigung vor; sie opfern sogar Hunde, Hühner und andere Tiere. Die Curandera besorgt dies auf irgendeine geheimnisvolle und wohl auch widerliche Art, um den allzeit gefürchteten bösen Blick wirkungslos zu machen.