die auf den Knien den heiligen Berg Amecamica hinaufrutscht.
Phot. J. Castanos Flores.
Abb. 203. Topfhändler in Mexiko.
Die Töpferei ist eine allenthalben im Lande besonders von Frauen geübte Industrie; ihre Erzeugnisse verraten künstlerische Begabung.
Ein anderes Fest, das alljährlich unter großen Feierlichkeiten acht Tage lang vor Weihnachten begangen wird, sind die Posadas oder die Herberge, so genannt zur Erinnerung an die Herberge von Maria und Joseph zu Bethlehem. Eine Familie oder überhaupt eine befreundete Gesellschaft tut sich zusammen, um abwechselnd die Posadas zu geben, und wählt ein bestimmtes Haus zum Schauplatz der Festlichkeit aus. Das betreffende Haus wird festlich hergerichtet und mit Moos sowie Henno, einem schlingartigen Hängegewächs, das niemals fehlen darf, geschmückt; neben Lampions werden die sogleich zu besprechenden Piñates an der Decke und den Pfeilern aufgehängt. Am Abend begeben sich die Teilnehmer der Posada bei Fackelbeleuchtung unter Absingung der Litanei bis zu einem bestimmten Raum, wo für Maria und Joseph um Aufnahme gebeten wird (siehe die [Kunstbeilage]). Auf eine bejahende Antwort öffnen die Veranstalter des Zuges die Tür und stellen die Wachsfiguren dieser beiden Heiligen dort hinein. Darauf geht man zum Speisezimmer zurück und zecht die ganze Nacht hindurch. Dieser Vorgang wird an acht aufeinanderfolgenden Abenden, meistens abwechselnd in den Häusern der Teilnehmenden, wiederholt; am neunten kommt dann noch die Figur des Heilands als Kind zu der Gruppe hinzu, und am Tage darauf wird die Piñate zerschlagen. Ursprünglich ein Kochtopf, ist die Piñate auch in ihrer weihnachtlichen Umgestaltung nichts anderes: ein dickbauchiges Gefäß, das in seinem Innern kleine Geschenke birgt; es vertritt die Stelle unseres Weihnachtsbaumes. Natürlich ist der Topf auf der Außenseite vergoldet oder noch häufiger mit einem Tier- oder Menschenkopf versehen und mit Seidenpapierkostümen, Fellüberzügen, Bänder- und Schleifenausputz phantasievoll überkleidet. Die Kinder müssen versuchen, mit verbundenen Augen nach mehrfachem Irreführen im Hofe des Hauses (wie bei unserem Topfschlagen) die Piñate mit einem Stock zu zertrümmern ([Abb. 206]) und bekommen dann ihren meist aus Leckereien bestehenden Inhalt.
Kirche und Zauberei stehen einander in der Auffassung der Eingeborenen keineswegs feindlich gegenüber, eines ergänzt vielmehr das andere. Die Indianerin denkt eben, daß es nicht schaden könne, wenn sie von beiden Seiten Schutz erhalte; um so kräftiger werde die Wirkung sein. Das Zeichen des Kreuzes schützt selbstverständlich gegen den bösen Blick, aber in gleicher Weise tut dies auch der geheimnisvolle Trank der Curandera, der Dorfhexe; folglich wendet sie beides an. Sollte sie etwa einmal Anlaß haben, auf ihren Mann eifersüchtig zu sein, dann werden ihre Gebete an Gott und die Heiligen durch das Rezept, das ihr die Curandera verabreicht, sicherlich noch wirksamer werden. Überhaupt genießt die Curandera überall eine ganz bedeutende Macht; sie wird stets hinzugezogen und auf ihre Anordnungen großer Wert gelegt. Sie heilt auch Krankheiten und tut dies nicht selten mit Erfolg, da sie mit der Wirkung heilkräftiger Pflanzen bis zu einem gewissen Grade ganz gut vertraut ist, wie es auch ihre Vorfahren waren.
Die Verquickung von Religion und Aberglauben zeigt sich schon recht deutlich beim Erscheinen eines neuen Weltbürgers. Zunächst muß er natürlich, wie es die Kirche erfordert, getauft werden; auch wenn die Eltern nicht miteinander verheiratet sind, ist dies die erste Pflicht des Vaters, der er sich auch wohl niemals entzieht. Außerdem wird das Kind aber auch mit allerlei Amuletten behängt, die ihm in seinem ferneren Leben Glück bringen sollen; das Horoskop wird ihm von einem Kenner gestellt und Zaubersprüche ausgesprochen. Die Mutter liebt ihr Kind leidenschaftlich, besonders wenn es sich um einen Knaben handelt; sie trägt es stets mit sich herum, wenn sie unterwegs ist oder arbeitet, wobei es auf ihrem Rücken durch den Rebozo festgehalten wird. Sobald das Kind sprechen kann, muß es zuerst ein Gebet lernen, aber bald auch mit den Überlieferungen und Sagen des Volkes und anderen teils heidnischen, teils kirchlichen Dingen vertraut gemacht werden. Auf diese Weise werden alte aztekische Überlieferungen und Sagen von Geschlecht zu Geschlecht lebendig erhalten.
Phot. The Exclusive News Agency.