Die Teilnehmer bitten durch Klopfen an die Tür um Obdach für die beiden Heiligen Maria und Joseph.
Die Hauptunterhaltung des Mexikaners bilden Musik, Gesang und Tanz; als Nationaltanz kann der Jarabe gelten. Es gibt auch mystische Tänze, eine Verquickung von Aztekenlehre und christlicher Religion, die an die erste Zeit der spanischen Eroberung erinnern; sie werden zu bestimmten Jahreszeiten von Masken unter Begleitung von Trommeln und Pfeifen aufgeführt und weichen in ihren Einzelheiten nach der Örtlichkeit voneinander ab. Im weiten Süden ist die danza de la conquista, in der dargestellt wird, wie die Azteken bei der Ankunft des weißen Mannes von Furcht befallen werden, der bemerkenswerteste Tanz. Die Fiestas der Kirche, desgleichen die Namenstage der Heiligen sowie der Verwandten und Freunde werden von der Bevölkerung in lustiger Weise gefeiert; Tanz, Glückspiel, Hahnen- und Stierkämpfe bilden dabei die Hauptunterhaltung. Die genannten Tierkämpfe ([Abb. 200] und [201]) sowie das Kartenspiel (Baraja) sind ungemein fest wurzelnde Unsitten. Nächst dem Cura, das heißt dem Dorfpriester, und der Curandera, der Quacksalberin oder Dorfhexe, ist, was den größten Einfluß auf das Leben des Mexikaners ausübt, der Pulque, ein Nationalgetränk, das aus der Agave hergestellt wird. Wenn der richtige Augenblick gekommen ist, wird diese der Aloe ähnliche mächtige Pflanze gekappt und eine honigartige Flüssigkeit aus ihr gewonnen, die man vierundzwanzig Stunden lang der Gärung überläßt. Dadurch gewinnt man eine starkriechende Flüssigkeit, deren Genuß einen schweren Rausch erzeugt. Allenthalben gibt es im Lande Pulquerias, Verkaufstellen für dieses Getränk, für das der Mexikaner seinen letzten Centavo hergibt. Sie sind auch die Stätten, wo sich für den Fremden die beste Gelegenheit bietet, das einheimische Leben und Treiben zu beobachten.
Phot. C. B. Waite.
Abb. 201. Hahnenkampf, ein anderer in Mexiko weitverbreiteter Zeitvertreib.
Die Tätigkeit der mexikanischen Indianer auf dem Lande geht fast völlig in der Landwirtschaft auf. Die Frauen stellen die zum Leben erforderlichen einfachen Gegenstände her; besondere Fertigkeit zeigen sie in der Anfertigung von Erzeugnissen der Weberei und der Töpferei ([Abb. 203]).
Die Religion ([Abb. 202], [204] und [205]) des Mexikaners ist dem Namen nach die der römisch-katholischen Kirche, in Wirklichkeit aber ein Gottesdienst, der gleichsam nur die Fortsetzung der Religion der Azteken und Maya bildet. Die Regierung hat zwar die Kirchenprozessionen abgeschafft, doch kommen sie auf dem Lande noch vor, in den kleinen Indianerdörfern, die aus Bambushütten mit Palmblattdächern bestehen. Dabei geht es recht eigenartig und übrigens auch sehr laut zu. Trommler und Pfeifer eröffnen den Zug der Gläubigen — alle Mexikaner sind sehr fromm —, die an langen Stangen geheimnisvolle Figuren aus buntem Papier tragen. Was letztere zu bedeuten haben, weiß kein Mensch; es fragt auch niemand danach, wie man auch nicht weiß, was die lateinisch gesprochenen Gebete besagen. Der Forscher aber weiß, daß diese seltsamen Figuren aus den Tagen der Vorfahren der heutigen Bevölkerung vor der Zeit der Eroberung durch die Europäer herstammen. Ähnlich verhält es sich mit den geweihten Opfern aus Blumen, die man auf jeden Schrein am Wege — diese sind höchstwahrscheinlich an die Stelle der ehedem bestehenden heidnischen Altäre getreten —, in Dorfkirchen und städtischen Gotteshäusern niederlegt; sie erinnern an die Opfer für den Menschgott Quetzalcoatl der alten Azteken. Die Vorliebe der Eingeborenen für Blumen ist außerordentlich groß. Außer in dem Darbringen von solchen Spenden äußert sie sich noch an den Blumentagen, jenen prunkvollen Festen im April am Vikokanal in der Nähe der Stadt Mexiko; dann sind die aztekischen Chinampas oder schwebenden Gärten eine einzige Blütenmasse, und Quetzalcoatl wird dabei offen als Gott der Natur verehrt.
Phot. The Barratt Photo Agency.
Abb. 202. Eine Büßerin zur Fastenzeit,