Die wirtschaftliche Kultur der südamerikanischen Indianer ist sehr verschiedenartig; sie hängt mit dem Grade ihrer Zivilisation und mit der Umgebung, in der sie leben, zusammen. Ein Teil führt noch ein umherschweifendes Leben als Sammler oder Jäger; diese haben meistens keine festen Wohnungen, sondern leben unter einfachen Laubhütten oder in Erdlöchern. Die mehr seßhaften Stämme kennen richtige Grashütten ([Abb. 226]), die sich meistens zu Weilern, seltener zu eigentlichen Dörfern zusammenschließen. Auch Pfahlbauten sind bekannt; der Name Venezuela, das ist Klein-Venedig, rührt von der Ähnlichkeit her, die die von den ersten Ankömmlingen an der Lagune von Maracaibo angetroffenen Niederlassungen mit dem Bilde der italienischen Lagunenstadt zeigten. Sehr verbreitet, besonders unter den Karaiben und Aruaken, ist der Gebrauch von Hängematten; das englische Wort hammock stammt von dem aruakischen hamaca, mit dem man diese Schlafgelegenheit bezeichnete. Die Uaupés haben Sippenhäuser, in denen mehr als hundert Personen Unterkunft finden können. Die Beschäftigung dieser mehr seßhaften Indianer bildet der Hackbau oder der Fischfang (mit Bogen und Pfeilen, Harpunen, Reusen oder durch Vergiftung des Wassers); auch Viehzucht wird betrieben (Gran Chaco, Goajiro). Einige Stämme (Gran Chaco, südliches Argentinien) sind nach Einführung des Pferdes durch die Europäer vorzügliche Reiter geworden.
Phot. E. Nordenskjöld.
Abb. 215. Ashluslaytänzer.
Sie kleiden sich in wollene Decken und tragen um die Stirn Bänder, die mit Schneckenhäusern und Straußenfedern verziert sind.
Phot. Underwood & Underwood.
Eingeborenenfrau Südamerikas, die ihr Kind in einem mit Pelz ausgefütterten, „Shihungju“ genannten Korb auf dem Kopf trägt.
Wenn der Korb leer ist, wird er als Hut benutzt.
Die Hauptnahrungsquelle ([Abb. 225] und [228]) sind im allgemeinen Jagd und Fischfang. Fleisch und Fische pflegt man durch Rösten auf Bratständern oder an Spießen, häufig auch in Erdgruben genießbar zu machen; das eigentliche Kochen ist meistens unbekannt, weil vielfach Töpfe überhaupt fehlen. Die Karaiben und Aruaken stellen aus der sehr giftigen Wurzel der Manihotpflanze auf umständliche Weise ein Mehl her, das ihre Hauptnahrung ausmacht. Einzelne Stämme huldigen auch noch der Menschenfresserei ([Abb. 227]). Unter den Genußmitteln steht der Tabak oben an. Er wird geraucht und geschnupft. Geraucht wird der Tabak entweder in Form von großen, mit Maisblatt umhüllten Zigaretten, die häufig mit einer Gabel als Stützvorrichtung ([Abb. 230]) gehandhabt werden, oder in Pfeifen aus Holz oder Ton. Ganz merkwürdig verfährt man beim Schnupfen; man bläst sich selbst oder gegenseitig das Schnupfpulver mit Hilfe von Röhren in die Nase.