Über die religiösen Vorstellungen der südamerikanischen Indianer sind wir nur mangelhaft unterrichtet. So viel scheint indessen aus den bisherigen Beobachtungen hervorzugehen, daß sie auf Animismus und primitivem Dämonenglauben beruhen. Für den Indianer ist die sichtbare Welt mit zahlreichen bösen und guten Geistern bevölkert, die allenthalben in der Luft, im Wasser und auf der Erde wohnen und einen entscheidenden Einfluß auf das Schicksal der Menschen, vor allem auch auf ihren Tod ausüben. Auch Ahnenkultus ist damit verbunden. Daher läuft auch hier das Bestreben der Menschen darauf hinaus, die bösen Geister gut zu stimmen beziehungsweise zu versöhnen. Dies geschieht hauptsächlich durch Tänze, bei denen Masken ([Abb. 235], [237] und [240] sowie die farbige [Kunstbeilage]) eine besondere Rolle spielen. Man trifft diese Tänze, die an unseren Karnevalmummenschanz erinnern, unter den südamerikanischen Waldindianern allenthalben an. Die dabei vorgeführten Masken sind ganz verschiedene. Bei den Kobéua zum Beispiel bestehen sie aus Überzügen von dickem, weißem Bast, die nach bestimmtem Plane mit mancherlei geschmackvollen Mustern bemalt sind, bei den Tikuna in ähnlichen Bastbezügen mit einem Menschen- oder Tierkopfe, der aus Baumwachs über einem Gestell geformt ist. Bei den Karaya sind die Masken walzenförmige Gebilde aus Schilf mit zierlichem Federschmuck, die auf dem Kopfe getragen werden, dazu ein dichter Blätterüberwurf, der den ganzen übrigen Körper bis hinab zu den Zehen umhüllt. Bei noch anderen Stämmen sind es eigentliche Tanzanzüge, aus einem Stück geflochten, zu denen vollständige Beinkleider, Ärmel und eine Kopfbedeckung gehören, und dergleichen mehr. Wir verdanken Koch-Grünberg, der auf seinen Reisen sich in die Vorstellungs- und Empfindungswelt einer Reihe südamerikanischer Stämme einzufühlen verstanden hat, fesselnde Einblicke in die Bedeutung dieser Maskenaufführungen. Bei den Kobéua und Káua werden solche Tänze bei Todesfällen aufgeführt ([Abb. 236] und [238]). Etwa acht Tage nach dem Begräbnis treten die Männer in der schon geschilderten Tracht auf und führen einen Tanz auf, der von etwa drei Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen währt; die Frauen und Kinder nehmen nicht daran teil, sondern sehen nur zu. Jede Maske stellt, so glaubt man, einen Teufel vor; er befindet sich in der Maske, ist in ihr verkörpert, nimmt aber nur vorübergehend von dem Tänzer Besitz, nur so lange, als dieser die Maske trägt. Nach Beendigung des Tanzes tragen die Beteiligten früh am Morgen ihre Masken nach der Dorfwiese, stellen sie auf Stöcken auf, binden die Ärmel der einen mit denen der nächsten zusammen und zünden sie an. Während nun die lange Reihe der Figuren von einem Ende bis zum anderen verbrennt, erhebt sich lautes Wehklagen aller Versammelten. Man behauptet, daß dadurch die Teufel gezwungen würden, wieder aus ihren Hüllen herauszugehen und an ihre gewöhnlichen Wohnorte zurückzukehren, die man wahrscheinlich auf irgend einen hohen Hügel oder in einen Wasserfall verlegt. Der gewöhnliche Sterbliche vermag diese Dämonen nicht zu sehen, wohl aber ist dazu der Medizinmann imstande, weil er mit übernatürlichen Kräften ausgestattet ist; er vermag auch mit ihnen zu sprechen. Die Geister, die man durch diese Tänze zu versöhnen oder an weiteren Untaten zu verhindern trachtet, sind die Geister von Tieren ([Abb. 242], [243], [244] und [248]), von mehr oder weniger bösen Geistern in menschlicher Gestalt, von Riesen ([Abb. 241]) oder Zwergen ([Abb. 239]). Merkwürdigerweise werden vielfach gerade solchen Tieren recht gefährliche Geister zugeschrieben, die besonders harmlos sind. So wird der große azurblaue Schmetterling Tataloko für einen der gefährlichsten Dämonen gehalten; von ihm, der in dem höchsten der Wasserfälle des Uaupé hausen soll, behauptet man allen Ernstes, daß er die Malaria zusammenbraue, so daß alle, die von dem Flußwasser trinken — und in der Tat ist sie wegen des stagnierenden Wassers gerade an dieser Stelle ziemlich verbreitet — die Krankheit bekommen.

Von anderen Stämmen werden Maskentänze aus anderen Anlässen veranstaltet, zum Beispiel von den Yuri, Passé und Tecuna bei Hochzeiten ([Abb. 246]) oder beim Ausreißen der Haare des neugeborenen Kindes und bei anderen Gelegenheiten. Fast stets sind sie aber mit religiösen ([Abb. 247]) oder mystischen Vorstellungen verbunden. So sollen die Aufführungen der Kobéua am oberen Uaupé, bei denen Masken in Vogel-, Fisch- und Eidechsengestalt auftreten, bewirken, daß die Männer beim nächsten Zuge des Stammes eine reiche Beute an Wild und Fischen mit heimbringen. Die Tänze werden stets von Musik begleitet. — Auch Federspiele und sonstige Spiele sind bei den Indianern Südamerikas sehr beliebt ([Abb. 249] und [250]).

Phot. Th. Koch-Grünberg.

Abb. 224. Ein Taulipang in Festtracht.

Der Kopfputz besteht aus schwarzen und weißen Federn, Armbänder und Gürtel aus geflochtener Baumwollfaser; die Schürze ist europäisches Fabrikat. Pfeil und Bogen werden zum Fischfang gebraucht.

Phot. Th. Koch-Grünberg.

Abb. 225. Tukanoindianer vom Rio Uaupé (Nordwestbrasilien) beim Mahl gelegentlich eines festlichen Tanzes.