Phot. Th. Koch-Grünberg.
Abb. 226. Szene vom Parischeratanz der Taulipang.
Die Teilnehmer ruhen gerade aus. Zum Teil tragen sie Umhänge aus Blattrippen der Inajapalme.
Der Medizinmann spielt im Leben der südamerikanischen Indianer eine wichtige Rolle und wird oft auch sehr von ihnen gefürchtet. Vermöge seiner angeblichen Begabung mit übernatürlichen Kräften vermag er zwischen Menschen und der Geisterwelt Verkehr herzustellen, vor allem mit den Teufeln und den Geistern der Toten sich in Verbindung zu setzen, die ihm oft in Gestalt von Tieren erscheinen, und sie entweder zum Schutze oder zum Schaden seiner Mitmenschen sich dienstbar zu machen. Er tut dies auch in Krankheitsfällen, bespricht die Krankheit, hört auf den Rat der Geister und erfährt zugleich, was für einen Ausgang die Krankheit nehmen wird. Durch Zauberei versucht er, dem bösen Geist, der früher in einem Tiere lebte, jetzt aber in den Körper des Kranken gefahren ist, zu befehlen, daß er diesen wieder verlasse und seine alte Wohnstätte aufsuche. Anderseits ist der Medizinmann auch imstande, Krankheit und Tod über einen Menschen zu bringen, indem er den bösen Geist veranlaßt, von dessen Körper Besitz zu ergreifen. Auf dieser geheimnisvollen Kraft beruht der Einfluß und die Macht, die er auf die Mitglieder seines Stammes ausübt. Um ihnen den Glauben an seinen übernatürlichen Umgang mit der Geisterwelt beizubringen und mehr und mehr zu befestigen, treibt der Medizinmann seine Künste nachts in einer einsamen Hütte, wo er in sehr geschickter Weise alle möglichen Tierstimmen nachahmt und auf diese Weise den Fernstehenden vorspiegelt, daß er sich mit den Teufeln berate, die ihm als wilde Tiere erscheinen. Für gewöhnlich hat er auch die Fähigkeit des Bauchredens; er läßt zwei Stimmen sich miteinander unterhalten, bald so, als ob sie ganz in der Nähe, bald wieder, als ob sie in weiter Ferne wären. Bei seinen Offenbarungen und Heilungen scheint sich der Medizinmann durch Selbstsuggestion und andere Hilfsmittel in einen Zustand von Ekstase oder Zwangschlaf zu versetzen. Er raucht zum Beispiel fürchterlich, nimmt ganze Mengen Schnupftabak und verschiedene betäubende Mittel zu sich, tanzt und singt und macht mit seinem Zaubergerät — meist einer Kürbisklapper — stundenlang ununterbrochen ganz eintönige Musik, bis er selbst in eine Art von Verzückung gerät, in der ihm allerlei Sinnestäuschungen kommen. Hieran schließt sich ein Zustand völliger Betäubung, in dem er trügerische Bilder sieht und Stimmen hört. Diese beschreibt er, sobald er wieder erwacht ist, mit mancherlei Zusätzen und Ausschmückungen. Die Indianer nehmen alles, was er hierbei vorbringt und angeblich im Traumzustand gesehen und gehört hat, für eine Offenbarung. Außerdem treibt der Medizinmann, wenn es sich darum handelt, einen Kranken zu behandeln, noch allerlei Gaukelkünste; er räuchert diesen an, bläst ihm Tabakswolken ins Gesicht oder auf die erkrankte Körperstelle, knetet sie auch oder bespeit sie. Schließlich saugt er an der schmerzhaften Stelle und befördert nach einer Weile irgend einen Gegenstand, den er vorher wohlweislich verborgen gehalten hatte, aus dem Munde, wie einen Knochen, einen Dorn, Muschelschalen, Holzstückchen, Sand, Käfer, Tausendfüßler und Ähnliches; durch den großen, anhaltenden Lärm, das eintönige Gesinge und die anderen Mätzchen, die er macht, übt der Medizinmann auf den Kranken gewissermaßen einen einschläfernden Einfluß aus, so daß dieser schließlich selbst glaubt, daß die Ursache seiner Beschwerden herausgefunden und er nun geheilt sei.
Maskentänzer der Opaina, eines Stammes am Apaporis-River in Brasilien.
Die Bedeutung dieser Tänze, die mit wildem, eintönigem Gesang begleitet werden, ist dunkel. Sie scheinen religiösen Zwecken, namentlich der Versöhnung der Geister zu dienen. Öfters ahmen sie die Tätigkeit von Tieren, z. B. Schwalbe oder Jaguar, nach.
Phot. Joseph Chamberlain.
Abb. 227. Junge Putumayoindianer beim Verzehren selbsterlegter Feinde.