Abb. 255. Ein Stroh- und Binsenkreuz,

wie es die irischen Bauern am Sankt-Brigitten-Tage flechten, um es zum Schutz über ihr Bett zu hängen; hier bleibt es bis zur Wiederkehr des Tages im nächsten Jahre hängen.

Infolge der zahlreichen Völkerbewegungen, die sich im Verlaufe der Jahrtausende und besonders in neuer Zeit in Europa abgespielt haben, sind auch die Grenzen der ursprünglichen Sitten und Gebräuche mehr und mehr verwischt und diese teilweise zum Gemeingut aller Völker geworden; nordeuropäische Sitten und Gebräuche fanden daher Eingang in Südeuropa und umgekehrt, ebenso wurden osteuropäische Sitten nach Westen zu verbreitet. Ferner hat die christliche Religion das ihrige dazu beigetragen, daß die alten heidnischen Anschauungen und Gewohnheiten unserer Altvorderen unterdrückt oder auch vielfach durch eine der Kirche angepaßte Deutung umgewandelt wurden, und schließlich hat die alles gleichmachende moderne Kultur zur Folge gehabt, daß die etwa noch vorhandenen letzten Reste mehr und mehr hinweggewischt wurden. Alle diese Umstände vermochten jedoch nicht, die ursprünglichen Sitten, Gebräuche und Anschauungen gänzlich auszurotten. Allenthalben begegnen wir ihren Überbleibseln noch im Volke, besonders bei der ländlichen Bevölkerung in abseits gelegenen Gegenden, wohin der Einfluß der modernen Kultur nur langsam einzudringen vermochte.

Phot. Clarke & Hyde.

Abb. 256. Anfertigung von Binsengirlanden zu Ambleside,

ein Brauch, der noch aus der Zeit stammt, in der man in den Kirchen Binsen oder auch Heu streute.

Der germanische Kulturkreis.

Der germanische Kulturkreis umfaßt die Völkerstämme im Süden der Ost- und Nordsee bis etwa nach den Alpen zu, also, ganz allgemein gesagt, die Bewohner Skandinaviens, Englands, Hollands, teilweise auch Nordfrankreichs, ferner Deutschlands (einschließlich der deutschen Ostseeprovinzen), Deutsch-Österreichs und der deutschen Schweiz. Die Sitten und Gebräuche aller dieser Länder ähneln sich im großen und ganzen, sie hängen zu einem wesentlichen Teile mit altgermanischen heidnischen Anschauungen ([Abb. 253] bis [256]) zusammen. — Der Quellenkultus sowie die Verehrung vorgeschichtlicher Denkmäler sind unter anderem solche Überreste ([Abb. 258] bis [260] und [265]). — Leider ist viel von dem Ursprünglichen bereits abgebröckelt, aber es steht zu hoffen, daß die letzten Reste ([Abb. 252]), die oft genug auch an geschichtliche Ereignisse anknüpfen, erhalten und weiter gepflegt werden dank den Bestrebungen der Vereine und Persönlichkeiten, denen die Erhaltung deutscher Art und Sitte am Herzen liegt. Zunächst gilt dies für die teilweise recht malerischen Volkstrachten ([Abb. 261] bis [264] und [266] bis [271]), an denen die germanischen Stämme besonders reich sind. Belohnungen sind verschiedentlich ausgesetzt worden für diejenigen, die sich befleißigen, die alte, kleidsame Tracht ihrer Vorfahren wieder zu Ehren zu bringen, anstatt sie in den Truhen vermodern zu lassen. Verschiedentlich sind aus besonderen Anlässen die alten Gewänder der Großeltern wieder hervorgeholt worden und in festlichen Aufzügen von neuem zu Ehren gekommen. Volkstümliche Feste ([Abb. 272] bis [275], [277] und [278]) bieten dazu die beste Gelegenheit. In engem Zusammenhang mit den Volkstrachten stehen die Volkstänze ([Abb. 276], [279] bis [284] und [286]), die man ebenfalls der Vergangenheit vielfach entrissen und zu neuem Leben hat erstehen lassen. Ähnlich verhält es sich mit dem Gebrauch altertümlicher Musikwerkzeuge ([Abb. 285] und [289]) und mit den Volksspielen ([Abb. 290]). Ebenso hat man verschiedentlich die volkstümliche Hauskunst und Heimindustrie ([Abb. 287]) wieder neu belebt. Die alten anheimelnden Haustypen ([Abb. 288]) sind leider nicht mehr zu ersetzen, jedoch besteht neuerdings auch hier das Bestreben, die neu entstehenden Häuser dem althergebrachten Dorfbild nach Möglichkeit anzupassen. Es steht zu hoffen, daß auf diese Weise noch manche althergebrachte schöne Sitte ihre Wiederauferstehung feiern werde.

Die Namen unserer Wochentage, um mit diesen zu beginnen, sind heidnischen Ursprungs. Der Sonntag war der Sonne gewidmet und galt beim Volke als glückbringend. Wer an ihm geboren wurde, ein sogenanntes Sonntagskind, ist mit dem zweiten Gesicht begabt, das heißt er besitzt die Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken und Geister zu schauen; seine Handlungen sind stets von günstigem Erfolge begleitet. Im Gegensatz dazu steht der Montag, der Tag des Mondes, vielfach im Rufe eines Unglückstags. Daher wechseln im Hannöverschen und in Schleswig-Holstein die Dienstmädchen an ihm niemals ihre Stelle; wer am Montag etwas unternimmt, wird immer Pech haben. Dem Dienstag, dem Tage des Gottes Tiu oder Tyr (englisch Tuesday, in Schwaben auch Zieseldi genannt), kommt keine besondere Bedeutung zu. Der Mittwoch, der ursprünglich dem Gotte Wodan heilig war (daher noch die englische Bezeichnung Wednesday und die westfälische Gauns- oder Godensdag), wurde im Mittelalter in den Tag der Jungfrau Maria umgewandelt und zu einem Fasttag gemacht. Der Donnerstag verrät wieder recht deutlich seine heidnische Herkunft von Thor oder Donar (englisch daher Thursday, skandinavisch Thorsdag), dem höchsten Gotte der altgermanischen Götterwelt. Mit ihm sind noch verschiedene abergläubische Vorstellungen im Volke verknüpft; solche Überreste des alten Thorkultus erblicken wir noch heutigestags in dem vielfach in Norddeutschland am Donnerstag üblichen Erbsengericht, denn die Erbse war eine dem Thor geheiligte Pflanze. Desgleichen geht der Name Freitag auf eine germanische Gottheit, Freia oder Frigga, die Gemahlin des Wodan, zurück. Auch dieser Tag gilt vielfach in den Augen des Volkes für einen Unglückstag, an dem nichts Neues unternommen, zum Beispiel keine Reise angetreten oder mit dem Schiff in See gestochen werden darf. Anderseits wieder werden gerade am Freitag in Dänemark mit Vorliebe Hochzeiten abgehalten, was damit zusammenhängt, daß bei den alten Römern dieser Tag der Venus, der Göttin der Liebe (daher im Französischen Vendredi, entstanden aus Veneris dies), geweiht war. Die katholische Kirche hat den Freitag zum Fasttag gestempelt. Der Sonnabend endlich, das heißt der Vorabend des Sonntags, soll seinen zweiten Namen Samstag von dem lateinischen Saturni dies erhalten haben; indessen wird diese Ableitung mit Recht angezweifelt. Die skandinavische Bezeichnung Löwerdag und Lördag wird mit dem alten nordischen Laugadagr in Verbindung gebracht und soll Badetag bedeuten, weil am Schlusse der Woche allgemein gebadet wurde, wie es übrigens noch heutigestags Familiensitte in Deutschland ist.