Phot. Wilhelm Müller, Bozen.
Abb. 268. Unterinntaler Sennerinnen.
In Skandinavien legt man große Bedeutung dem Julstroh bei. Die Mägde hängen am Abend, wenn sie das ganze Haus gereinigt und alles blitzblank gescheuert haben, mit Zierat versehene Strohkränze über dem Eßtisch auf und stecken kleine Bündelchen Roggenähren unter das Dach. Der Landmann legt Stroh in die Ställe, damit es Gänse und Hühner gegen Marder und Hexen schütze und die Kühe vor Krankheit und Fortlaufen bewahre, streut es ferner auf die Äcker, damit die Saat gedeihe, und windet es um die Obstbäume, damit sie reichlich Früchte tragen. Überhaupt ist der Bauer überall eifrig bemüht, auch den Bäumen seines Gartens und den Früchten des Feldes besondere Sorgfalt angedeihen zu lassen. So stellt er in Ungarn das auszusäende Korn unter den Tisch und deckt es mit Stroh oder Heu zu, weil er meint, daß in der Nacht das Jesuskindlein komme und ein wenig darauf ausruhe, was eine reichliche Ernte zur Folge habe. In anderen Gegenden begießt er die Obstbäume mit dem Wasser, in dem die Festspeisen geknetet wurden oder der Mohn angerührt wurde; in Alpach (Tirol) läßt er die Bäume von dem Mädchen, das den Teig zurechtmachte, mit den noch nassen Händen anfassen. Stellenweise begegnet man auch der Sitte, daß in die Rinde der Bäume Geldstücke gesteckt werden, damit sie reichlich tragen, oder, wie in Tirol, daß man die Bäume schlägt oder tüchtig schüttelt, oder, wie in Belgien, daß man sie am Weihnachtstage mit einem Beil anschlägt — alles dies, um ihre Fruchtbarkeit zu steigern.
Phot. Wilhelm Müller, Bozen.
Abb. 269. Grödner Brautpaar.
Phot. J. Brocherel.
Abb. 270. Sennerinnen von Champery in ihrer bequemen Männertracht.
Die Furcht vor der Tätigkeit böser Geister und Hexen, die in der Weihnachtsnacht ihr Unwesen treiben sollen, spukt noch allenthalben im Volke. Man sucht sich ihrer auf die verschiedenste Weise zu erwehren. In Tirol schüttet man die Speiseabfälle ins Feuer, damit die Hexen kein Zaubermittel daraus anfertigen können, in Ungarn in den Brunnen. Außerdem stellt man aus ihnen mit Hilfe von Mehl ein Gebäck in Gestalt einer menschlichen Figur her und schiebt dieses mit den Worten „Esset, schöne Frau!“ in den Ofen, um die Hexe dadurch gut zu stimmen. Früher war zur Vertreibung der bösen Geister verschiedentlich auch das Weihnachtschießen üblich. In Schweden und ebenso in Schleswig-Holstein hat sich der Glaube an böse Spukgestalten zu einem bestimmten Hausgeist, dem Niß, verdichtet, den man zu Weihnachten recht gut behandeln zu müssen glaubt, damit er dem Haushalt Segen bringe. Um ihn gut zu stimmen, stellt man auch eine Gabe für ihn hin, nämlich Stücke des Weihnachtsgebäcks, vor allem aber einen Topf mit Buchweizengrütze und Honig. — Auch seine und der Hausgenossen sowie des lieben Viehs Gesundheit kann man fördern, wenn man am Heiligen Abend diese oder jene Vorschriften beobachtet. In der Nahegegend darf die Frau den Flachs nicht zu Ende spinnen, sondern muß etwas stehen lassen, damit die Heilige Jungfrau es in der Nacht benutzen kann, um ihr Kindlein abzutrocknen. Dieser Flachs gilt dann für ein Heilmittel gegen allerlei Gebresten, sowohl bei Menschen wie bei Tieren. In der Mark Brandenburg und in Sachsen darf man während der Weihnachtszeit keine Hülsenfrüchte, im besonderen keine Erbsen, essen, sonst bekommt man Geschwüre und andere Krankheiten. In Tirol darf man im Garten kein Stück Wäsche zum Trocknen hängen lassen, weil man fürchtet, daß sonst das Vieh erkranke.