Phot. J. Brocherel.

Abb. 271. Bernerin in der Landestracht.

Abb. 272. Vom Münchener Oktoberfest.

Verteilung der Preise.

Die Weihnachtsgebräuche nehmen vielfach ihre Fortsetzung in den Zwölften oder Zwölfnächten, der Zeit zwischen Weihnachten und dem Tage der Drei Könige, während deren die Tage zwar fortlaufend, aber nur sehr langsam an Länge schon etwas zunehmen, also nach der heidnischen Anschauung unserer Vorfahren der Kampf zwischen Licht und Finsternis gleichsam noch unentschieden ist; erst mit dem Dreikönigstage werden sie sichtlich länger, und der Sieg des Lichtes tritt nun deutlich in die Erscheinung. Die Zwölften sind die unheimlichste Zeit im Jahre, während deren nach dem Volksglauben den Geistern und den in Unholde verwandelten Gottheiten der Vorzeit die Macht gelassen ist, ihren Spuk zu treiben. Besonders sind es zwei Persönlichkeiten: Wode (Wodan), der wilde Jäger, und seine Gattin, vom Volke Frau Holle, auch Frau Harke oder Fru Gode genannt, die beide an der Spitze eines wilden Heeres, letztere mit ihren Hunden, die die Seelen der ungetauften Kinder sein sollen, nachts durch die Lüfte brausen und dabei den Menschen, die ihnen begegnen, allerlei Schaden zufügen. Diesen heidnischen Gottheiten zu Ehren wurden in der Vorzeit während der Wintersonnenwende Umzüge veranstaltet, deren Überreste ([Abb. 298]) sich bis auf unsere Tage forterhalten haben. Allerdings haben wir sie bei uns nur noch in bescheidenem Umfange in Gestalt der Dreikönigsänger, die in den Dörfern von Haus zu Haus ziehen und „Sternlieder“ singen, die vorzugsweise die Geschichte der drei Weisen aus dem Morgenlande zum Gegenstand haben. In der Hauptsache handelt es sich dabei um drei phantastisch ausgeputzte Männer, von denen zwei mit langen vergoldeten Spießen, der dritte mit einem Stern ausgestattet ist, weswegen man sie auch die Sternsänger nennt. Ferner begegnen wir solchen Umzügen am Dreikönigstag noch im Pinzgau und im Pongau in Österreich in den Berchtentänzen mit ihrem lustigen Treiben. Der Name stammt von der Göttin Berchta oder Perahta (das heißt der Glänzenden, Prächtigen), einer Bezeichnung für Wodans Gemahlin. Es beteiligen sich an diesen Umzügen viele Leute, alle in ebenso phantastischer wie eigenartiger Maskierung. Im Sarntal (Schweiz) ziehen die „Glöckelsinger“ mit dem sogenannten „Weibl“, einem als Strohpuppe verkleideten Manne, durch das Dorf und bitten unter Gesang um eine Gabe ([Abb. 297]). Nach dem jedesmaligen Vortrag wird das Weibl verprügelt. — In Skandinavien, England und Nordfrankreich finden die Weihnachtsgebräuche ihren Abschluß mit dem Bohnenfest am Dreikönigstage. Die Hausfrau bäckt zu diesem Zwecke einen Kuchen und mischt eine Bohne in den Teig hinein. Wenn die Gäste sich abends versammelt und um den Tisch Platz genommen haben, wird der Kuchen in so viel Stücke, als Teilnehmer vorhanden sind, zerschnitten, worauf eines der Kinder sich unter dem Tisch versteckt und der Reihe nach bestimmt, welches Stück jeder von dem Kuchen erhalten soll; das erste Stück wird dem „guten Gotte“ geweiht. Wem das Stück mit der Bohne zufällt, der wird König ([Abb. 302]) beziehungsweise Königin und wählt sich seinen Partner aus der Gesellschaft. Beide umgeben sich mit einer Art Hofstaat, dessen Mitglieder bestimmte ihnen zufallende Pflichten diesen Abend über erfüllen müssen. Sobald der König trinken will, ist die ganze Gesellschaft verpflichtet, das gleiche zu tun; wer sich weigert mitzumachen, muß ein Pfand an den Hofnarren zahlen. In England verteilt man jetzt die einzelnen Rollen des Hofstaates durch Lose, die in einigen Gegenden scherzhafte Verse enthalten. Diese Sitte hat in Holland und dem Marschlande die Form angenommen, daß die Bäcker ihre Waren am Dreikönigstage mit solchen, manchmal recht derben, Versen bekleben.

Der Umstand, daß in der heidnischen Vorzeit während der ganzen Dauer des Julfestes, also während der Zeit der Zwölf Nächte jegliche Arbeit ruhte, hat den Volksglauben entstehen lassen, daß man während dieser Zeit bestimmte Beschäftigungen, zum Beispiel Waschen, nicht vornehmen dürfe, weil dies sonst Unglück bringen würde.

Abb. 273. Vom Cannstatter Volksfest.