Verteilung der Preise.

Abb. 274. Vom Cannstatter Volksfest.

In die Zeit der Zwölften fällt auch der Übergang des alten in das neue Jahr, Silvester. Die Zahl der Silvesterbräuche ist sehr groß; in der Hauptsache laufen sie darauf hinaus, beim Scheiden des alten Jahres Fragen an das Schicksal über die im neuen bevorstehenden Ereignisse zu stellen. Fromme Leute stechen mit einer Nadel oder einem Messer aufs Geratewohl in die Bibel oder ins Gesangbuch und schließen aus der dabei getroffenen Stelle auf Freud oder Leid, Glück oder Unglück im kommenden Jahre. Im lustigen Kreise ist das Bleigießen und Lebenslichter-Schwimmenlassen ([Abb. 301]) beliebt. Wer um Mitternacht über seinen Kopf hinweg rückwärts seine Schuhe wirft, kann aus der Lage derselben feststellen, ob er im nächsten Jahre am Orte bleibt oder fortkommt. Heiratslustige junge Mädchen suchen auf diese und noch auf andere Art zu erfahren, ob sie baldige Anwartschaft auf die Ehe haben, wer und was ihr Liebster sein wird und dergleichen. In der Gegend von Brünn in Mähren versteckt man am Silvesterabend, in Abwesenheit der sich daran Beteiligenden, verschiedene Gegenstände unter Töpfen; darauf wird jeder einzeln hereingerufen, um drei von den Töpfen aufzuheben. Deckt der das Orakel Befragende mehrere Male denselben Gegenstand, zum Beispiel Geld, unter dem Topfe auf, dann wird er das ganze Jahr lang solches besitzen; findet er wiederholt ein Stück Brot, dann wird er niemals an Nahrung Mangel leiden. Wer aber einen Kamm erwischt, dem wird es nicht gut ergehen.

In Belgien besteht in manchen Gegenden der Brauch, daß dasjenige Kind, das am Silvestermorgen als letztes in der Familie aus dem Bette steigt, mit dem Namen des heiligen Silvester angeredet wird und seine besten Spielsachen und Geschenke den Geschwistern überlassen muß. Auch Mädchen, die bis zum Jahresschluß eine Arbeit, mit der sie sich beschäftigen, nicht fertigbringen, setzen sich nach dem Volksglauben in manchen ländlichen Gegenden der Gefahr aus, wegen ihrer Unpünktlichkeit und Faulheit von Geistern verfolgt zu werden.

Abb. 275. Schäferlauf in Markgröningen.

Wettlauf der Schäferinnen.

Das Umherziehen der Schuljugend im Dorfe, oft genug in spaßiger Vermummung, und das Absingen von Liedern unter Musikbegleitung, um sich damit ein kleines Geldgeschenk, Obst, Nüsse oder Zuckerwerk zu verdienen, ist verschiedentlich sowohl in Deutschland wie auch in Österreich und der Schweiz noch gang und gäbe, und zwar nicht nur am Silvester- beziehungsweise Neujahrstage, sondern auch während der ganzen Zeit der Zwölften. In Schleswig-Holstein bedient man sich zum Musikmachen des „Rummelpottes“, eines mit einer Tierblase überspannten Topfes, der wie eine Trommel geschlagen wird. Das Umherziehen und Lärmmachen ist sicherlich als ein Überrest des Vertreibens und Erschreckens der bösen Geister zu deuten, die, wie wir schon hörten, gerade in den zwölf Nächten nach Weihnachten ihr Unwesen treiben. Dahin gehört auch das Neujahrschießen und Neujahrwerfen, worunter man das Zertrümmern von alten Töpfen, Tellern und Scherben vor der Tür des Nachbars, auch das Werfen von Erbsen durch die Fenster versteht, eine über ganz Deutschland bis nach Holland hinein verbreitete Sitte. Vielleicht hängt mit dieser Anschauung auch der in den Dörfern Niederösterreichs verbreitete Brauch des Krönens eines Silvesterkönigs zusammen. Dem ungeschicktesten Knecht wird von einer Person aus dem Hausgesinde ein Strohkranz auf den Kopf gesetzt und ein Strohbüschel in die Hand gegeben, worauf er von den anderen mit einer aus Stroh geflochtenen Peitsche aus dem Hause gejagt wird. Draußen muß er so lange stehen bleiben, bis sich eine Magd, meistens die jüngste, seiner erbarmt und ihn zurückführt. Diejenige, die sich des Hinausgetriebenen erbarmt hat, ist im kommenden Jahre das Haupt des Gesindes und wird den ganzen Abend über beglückwünscht.

Wie an dem Heiligen Abend, so sind auch am Silvester bestimmte Gerichte für die Abendmahlzeit gleichsam vorgeschrieben. Hierunter sind in erster Linie Fische zu nennen, die man auf jeden Fall genießen muß, um im neuen Jahre von Unglück verschont zu bleiben. Besonders beliebt sind Karpfen, aber es müssen Rogner sein, damit man stets Geld im Beutel habe; auch ein paar Fischschuppen in der Börse bewirken dasselbe. Andere Silvesterspeisen sind Heringsalat, Hirsebrei, Linsen, Mohnklöße und die unter den verschiedensten Namen bekannten Gebäcke (Krapfen, Pfannkuchen, Kräppel, Pförtchen und so weiter), die beim Silvesterpunsch in fröhlicher Gemeinschaft verzehrt werden. Geselligkeit ist gerade an diesem Abend wohl überall in Deutschland Hauptbedingung. Meist treffen mehrere befreundete Familien bei einer derselben zusammen; wo solcher Anschluß fehlt, versammelt man sich in großen Wirtschaften und feiert gemeinsam den Abschied des alten und den Einzug des neuen Jahres mit Trinken, Singen und den schon angedeuteten Gebräuchen. Punkt zwölf Uhr in der Nacht beglückwünscht man sich, während in den kleineren Städten zur gleichen Zeit eine Musikkapelle vom Turm herab das neue Jahr begrüßt.