Abb. 301. Schwimmenlassen der Lebenslichter am Silvesterabend.
Jedes der auf Nußschalen gestellten Lichtchen bezeichnet das Lebenslicht eines der Teilnehmer.
Auch unter den Pfingstbräuchen ist eine ganze Reihe, die den Sieg des Frühlings über den Winter widerspiegelt. So wird in der Gegend von Halle an der Saale ein Strohmann auf einen Karren gelegt; die Pfingstburschen des Dorfes geben sich alle erdenkliche Mühe, diesen Karren mit verbundenen Augen an den Rand einer Grube, die einem Grab nicht unähnlich sieht, zu fahren und seinen Inhalt hineinzuwerfen, um ihn dann zu vergraben. In der Altmark setzt man die Strohpuppe auf eine Kuh und jagt diese so lange herum, bis die Puppe herabfällt. In Bayern wird der Knecht, der am Pfingstmontag die Zeit verschläft, ergriffen, in den Wald geschleppt, ganz in Grün eingehüllt und auf ein Pferd gesetzt; auf diesem muß er in Begleitung des ganzen Dorfes zum nächsten Teich reiten, wo er feierlichst ins Wasser geworfen wird. Diese und ähnliche Gebräuche, denen wir, manchmal nur noch in ihren letzten Ausläufern, in den verschiedensten Gauen unseres Vaterlandes begegnen, sollen das Austreiben des Winters versinnbildlichen.
In vielen Gegenden besteht noch die alte Sitte, das Vieh zu Pfingsten, meistens am Sonnabend vor dem Fest, zum erstenmal auf die Weide zu treiben, wo es in katholischen Gegenden vielfach vom Priester eingesegnet wird ([Abb. 317]). Tags zuvor gehen die Hütejungen unter Peitschenknallen (auch dieses ein Zeichen der Austreibung des Winters) im Dorfe herum und sagen es den Knechten und Mägden an. Diese beeilen sich darauf, ihr Vieh möglichst frühzeitig hinauszutreiben; jeder setzt seinen ganzen Stolz darein, der erste am Platze zu sein. Der Kuh, die zuerst auf der Weide eintrifft, wird für gewöhnlich ein Kranz um den Hals und um die Hörner sowie ein Birkenbusch an den Schweif gebunden ([Abb. 323]). Der Knecht, der sich zuletzt mit seinem Vieh auf der Weide einfindet, heißt der Pfingstlümmel oder Pfingstochse, auch wohl der Pfingstbötel oder Pfingstkärel; er wird zum Gegenstand des Spottes und bleibt es das ganze Jahr hindurch. In Thüringen hüllt man den zuletzt Eintreffenden ganz in Tannen- und Birkenzweige ein und peitscht ihn durch das Dorf, wo er überall mit dem Zuruf „Pfingstschläfer“ begrüßt wird. Eine Magd, die sich am Pfingstsonntag zuletzt im Stalle zum Melken einfindet, erhält den Namen Pfingstbraut. Noch schlimmer ergeht es einem Mädchen auf dem Lande in Steiermark, das am Pfingstmorgen den Sonnenaufgang verschläft; es kommen dann die Nachbarburschen mit einer lebensgroßen, aus Stroh und Lappen angefertigten Puppe, die einem zerfetzten Vagabunden gleicht, und hängen sie zum Gespött an einem Baumast vor dem Fenster der Langschläferin auf. Wer von den jungen Burschen aber die Zeit verschläft, dem setzen die Mädchen einen Strohkranz auf den Kopf und rufen ihn als „Pfingstlücken“ oder „Pfingstnudel“ aus.
Phot. Hanfstaengl, München.
Abb. 302. Das Fest des Bohnenkönigs.
(Nach dem Gemälde von Jordaens in der Kaiserl. Gemäldegalerie in Wien.)
In nordischen Ländern, im besonderen in England, finden die Weihnachtsgebräuche ihren Abschluß in dem Bohnenfest. Wer von den versammelten Gästen von den unter sie verteilten Stücken eines Kuchens, in den man eine Bohne gebacken hat, das die Bohne bergende erhält, wird König und wählt sich einen Hofstaat. Sobald der König trinkt, müssen alle Anwesenden ihm Bescheid tun.
In manchen Orten Thüringens werden am Pfingstfest die Brunnen geschmückt, der Brunnenschaft mit Birkengrün umwunden, die kleine Ausflußröhre noch besonders mit einem Vergißmeinnichtkränzchen umgeben und das obere Ende der senkrechten Brunnenröhre mit einer Krone aus Tulpen geziert. Das Einholen des Grüns aus dem Walde, das sogenannte Waldfahrten, an dem sich alt und jung beteiligt, gestaltet sich zu einem wirklichen Volksfest ([Abb. 324]).