Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 308. Osterbrauch in der Schweiz.
Es wird ein Wettkampf ausgefochten in der Weise, daß jemand eine bestimmte Strecke hin- und zurücklaufen muß, während ein anderer zwei- bis dreihundert Eier aufzuheben hat, die in einer langen Reihe längs der Landstraße liegen. Wer zuerst mit seiner Aufgabe fertig ist, hat gewonnen.
Neben dem Feuer spielt zu Johanni auch das Wasser eine große Rolle; ihm kommt eine reinigende, alles Elend und alle Sünde fortspülende Kraft zu. Dieser Glaube hängt wohl mit der heidnischen Vorstellung von der Gewalt der wasserspendenden Gottheit zusammen, die im Hochsommer ihre Macht in zahlreichen Unwettern zum Segen oder Unsegen der Menschen kundgibt. Daher brachte man ihr früher auch Menschenopfer dar. Die Taufe durch Johannes ist die christliche Auslegung dieser heidnischen Anschauung. In Schwaben gilt ein am Johannistage genommenes Bad für neunmal heilkräftiger als ein gewöhnliches. Am Mittelrhein werden daher an diesem Tage die Brunnen gereinigt; wo man dies unterläßt, da wählt sich der Fluß von selbst seine Opfer durch Überschwemmung. Aus demselben Grunde darf man am Bodensee am Johannistage überhaupt nicht im See baden, und die Schiffer behaupten, man dürfe an ihm auch keine Antreibenden herausziehen, denn das hieße dem Wassergott seine Opfer wieder entreißen. Mit der Vorstellung von der reinigenden Wirkung des Johanniswassers hängt auch der Aberglaube zusammen, daß der an diesem Morgen eingesammelte Tau ein vorzügliches Mittel gegen Sommersprossen abgebe.
Abb. 309. Das Eierkullern, ein Osterspiel im Spreewalde.
Eine schiefe Ebene werden Eier hinabgerollt; wessen Ei das eines Mitspielenden trifft, hat dieses gewonnen.
Einer ganzen Reihe von Pflanzen wird am Johannistage eine besondere geheimnisvolle Kraft zugeschrieben. Als solche heilkräftigen Kräuter gelten das Johanniskraut oder Hartheu, die Hauswurz, der Bärlapp oder das Hexenkraut, der Wermut oder Beifuß, das Eisenkraut, der Rittersporn, das Gottesgnadenkraut, das Kardobenediktenkraut, das Liebstöckel, der Steinfarn und noch andere Pflanzen. So befreit die Wurzel der Hauswurz, an einem roten Faden um die Schulter getragen, von Hämorrhoiden, Beifuß hält die Müdigkeit fern, Eisenkraut läßt durch Eisen geschlagene Wunden schneller heilen und versöhnt durch Streit entzweite Leute, der Same des Steinfarnkrautes macht unsichtbar oder läßt, neben Geld gelegt, dieses nicht weniger werden, auch wenn man davon nimmt, und so weiter. Besonders wirksam ist die Kraft aller dieser Zaubermittel, wenn sie in der Johannisnacht gepflückt werden. An der Spitze aller Johanniskräuter steht aber unzweifelhaft das Hartheu; es erfreut sich eines allgemeinen Rufes als Heilmittel bei Wunden, Quetschungen, Bruchleiden, Verrenkungen und allen möglichen anderen Gebrechen. Im Hause oder im Stall befestigt, schützt das Hartheu oder Johanniskraut ferner vor Feuersgefahr, Blitz, Ungewitter, Hexen und sonstigem Unheil. Selbst zu Weissagungen wendet das verliebte Bauernmädchen in Holstein es an. Will es nämlich erfahren, ob es mit dem Gegenstand seiner Liebe vereint werden wird, so bricht es am Johannisabend zwei Zweige des Hartheus ab, einen etwas längeren, der den Schatz bedeutet, und einen kürzeren, der es selbst darstellen soll; beide Zweige werden darauf stillschweigend mit den Spitzen nach unten in die Spalte eines Dachbalkens gesteckt; hier wachsen sie in allerlei Verschlingungen weiter fort. Vereinigen sich dabei die beiden Spitzen, dann deutet dies auf Erfüllung des stillen Wunsches; entfernt sich aber der eine Zweig von dem anderen, dann ist die Liebe hoffnungslos.
Phot. The London Electrotype Agency.