Wir kommen jetzt zu dem Johannisfest, das gleichfalls heidnischen Ursprungs ist, aber von der christlichen Kirche, gleichsam als Entsühnung, dem Andenken des heiligen Johannes des Täufers geweiht wurde. Es fällt in den Mittsommer oder die Sommersonnenwende, den Zeitpunkt, an dem die Tage ihre größte Länge erreichen, die Sonne also am höchsten steht oder, wie die alten Germanen annahmen, der Sonnengott Wodan auf seiner Fahrt die höchste Stelle am Himmelszelt erreicht hat und nun im vollen Gefühl seines Sieges über die feindlichen, lichtscheuen Mächte eine Weile rastet, um dann mit der Freia seine Hochzeit zu begehen. In den Augen der alten Nordländer war der Mittsommertag kein geringeres Fest als das der Wintersonnenwende.

Abb. 306. Das Eierpicken,

ein Osterspiel der Jugend im Spreewalde.

Dem Gotte zu Ehren zündete man allenthalben Feuer an, die man unter Absingung von Sonnwendliedern umtanzte oder, um sich symbolisch zu reinigen, übersprang. Noch heutigestags flammen an vielen Orten, namentlich in Süddeutschland und Tirol, am Abend vor Johanni auf den Höhen Freudenfeuer empor (Sonnwendfeuer, Sungibtfeuer, Fro- oder Fronfeuer); meistens sind es Scheiter- oder Reisighaufen, zu denen die Jugend schon tagelang vorher den Brennstoff zusammentrug oder früher unter Absingung bestimmter Lieder sich zusammenbettelte. Die Burschen und Mädchen des Dorfes versammeln sich festlich gekleidet um die lodernde Glut; Paar um Paar springt unter Gesang über den im Auslöschen begriffenen Holzstoß. Mit diesem Sprung ist oft genug eine abergläubische Bedeutung verbunden: wer ihn ausführt, bleibt das Jahr über von Krankheit verschont, kann auf eine gute Ernte hoffen und darf auf sonstige Glücksfälle rechnen. Auch Kräuter, die in das Feuer geworfen werden — beliebt ist besonders Beifuß — bannen Krankheit und Unheil. Sehr gebräuchlich war früher auch, daß jeder Teilnehmer ein angebranntes Scheit mit sich forttrug, das er auf dem Herd seines Hauses aufbewahrte oder noch in derselben Nacht zur Erhöhung der Fruchtbarkeit auf seinen Acker steckte. In Schlesien, in den Rheinlanden und in Kärnten rollt man mit Stroh und Werg umwundene Holzräder oder Scheiben von den Höhen herab ins Tal (Scheibenschlagen); stürzt das Rad noch flammend in ein unten etwa vorhandenes Gewässer, dann kann man auf eine gute Ernte rechnen. Während die Scheibe hinuntersaust, spricht der „Scheibentreiber“ in manchen Gegenden einen Vers, der gleichsam eine Widmung enthält, oder er nennt den Namen einer Person, der zu Ehren er sie hinabrollen läßt; die jungen Burschen widmen die Scheibe natürlich ihrer Liebsten. Aber auch zur Beschimpfung und Verspottung von Personen, die sich etwas zuschulden kommen ließen oder sich mißliebig machten, werden Scheiben „geschlagen“; dieser Brauch erinnert insofern an das Haberfeldtreiben.

Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.

Abb. 307. Szene aus einem Fastnachtsbrauch in Appenzell.

Eine Strohfigur wird durch vermummte Leute aus dem Dorf ins Freie gefahren und hier feierlich verbrannt.