Aus Raumgründen ist es leider nicht möglich, auf die zahlreichen anderen Gebräuche teils an kirchlichen, teils an weltlichen Festen näher einzugehen, wie sie zum Beispiel üblich sind am Sankt Georgstag, Himmelfahrtstag, den drei gestrengen Herren, Fronleichnamsfest, Mariä Himmelfahrt, Peter und Paul, Lambertustag, Erntefest, Michaelistag, Allerheiligen und Allerseelen ([Abb. 320]), Hubertustag, Martinstag, Andreastag, Kirchweih ([Abb. 321], [322] und [326]), Weinlese ([Abb. 327]) und so fort ([Abb. 325], [328] bis [336] und [345]). Die meisten dieser Gebräuche entpuppen sich, wenn man ihnen auf den Grund geht, als Überreste aus heidnischer Zeit. Um ein Beispiel hierfür anzuführen, so verdanken Allerheiligen und Allerseelen, beides wichtige Feste der katholischen Kirche, ihre Entstehung altheidnischen Opferfesten, durch die man sich gegen die Macht der bösen Geister, die man vielfach als die Seelen Abgeschiedener auffaßte und an die Oberwelt zum Besuche ihrer Angehörigen zurückkehrend sich dachte, zu schützen beziehungsweise sie zu versöhnen trachtete. Die alten Römer (Lemurenfest), wie auch die alten Kelten, Skandinavier, Isländer (Kauri) und andere Völker des Altertums schlachteten zum Schutze gegen solche Geister Tiere und luden die Geister zum Mahle ein. Anklänge an solche Opfer finden wir an vielen Orten noch am Allerheiligentage. In Schweden und Finnland setzt man den Elfen, die man noch heute für die Geister Verstorbener ansieht, die der ewigen Seligkeit nicht teilhaftig werden können, an diesem Abend Speisen und Getränke vor. Die christliche Religion hat die Opfer an die Geister durch Gebete für die Seelen der Abgeschiedenen und durch andere fromme Gebräuche zu ihren Gunsten ersetzt. So zum Beispiel läuten Knaben im Elsaß am Vorabend des 1. November eine Stunde lang die Kirchenglocken, weil um diese Zeit die Seelen der Verdammten aus dem Fegfeuer gehen dürfen, und halten darauf einen Rundgang in den Häusern, um eigens für diesen Zweck gebackene Brötchen oder eine Belohnung in Geld zu erbetteln. In Flandern errichten die Knaben am Abend vor Allerseelen auf der Straße kleine, mit brennenden Kerzen beleuchtete Altäre und gehen die Vorübergehenden um milde Kuchenspenden an, für die Seelen im Fegfeuer, wie sie sagen. Allerdings übernehmen sie für diese gleichzeitig die Arbeit des Essens. Von den dabei erbettelten Geldstücken werden am nächsten Morgen die „Zielenbröderche“ (Seelenbrötchen) gekauft, ein feines, mit Mandeln in Kreuzform verziertes und zur Versinnbildlichung des Fegfeuers stark mit Safran und rotem Farbstoff gefärbtes Gebäck, mit dem man ebensoviel Seelen aus dem Feuer erlösen kann, als man Seelenbrötchen ißt. Ein ähnlicher Brauch besteht in einigen Gegenden Englands. Hier gehen die Kinder unter dem Rufe „Seele, Seele, um ein oder zwei Äpfel!“ herum und betteln um Kuchen, Bier und Äpfel. An vielen Orten Deutschlands kennt man für den Allerseelentag bestimmte Gebäcke, die als Seelenwecken, Seelenzöpfe, Seelenbrezeln und so weiter bezeichnet werden. — Sehr verbreitet ist auf den Britischen Inseln die Sitte, am gleichen Tage das Schicksal einer ehelichen Verbindung oder einen etwa bevorstehenden Todesfall im voraus zu erforschen, die man übrigens auch im schottischen Hochlande kennt. Hier zündet man am Allerseelenabend ein Feuer an, häuft seine Asche in Form eines Kreises auf und legt am Rande der Asche für jedes Familienmitglied einen Stein hin. Findet man am anderen Morgen diesen nicht mehr an der alten Stelle oder den Kreis sonstwie beschädigt, dann weiß man, daß die betreffende Person im nächsten Jahre sterben wird.
In den katholischen Ländern ist es allgemein Sitte, daß sich am Allerseelentage die Angehörigen von Verstorbenen zu dem Gottesacker begeben, um deren Grabstätten auszuschmücken — ein Rest des altheidnischen Opfers — und zu beten, und am Allerheiligentage werden die Heiligen um ihre Hilfe zur Erlösung der armen Seelen angerufen. Die evangelische Kirche feiert etwa um die gleiche Zeit, wenn auch nicht an einem bestimmten Kalendertage, ein ähnliches Erinnerungsfest, das Totenfest.
Abb. 313. Holen des Osterwassers (Spreewald).
Phot. Schweizer. Gesellschaft f. Volkskunde.
Abb. 314. Eine „Palme“ vom Palmsonntag (Kanton Aargau).
In Wirklichkeit ist es eine Tanne, die mit Flittern, Früchten, Eiern und geweihten Bändern ausgeputzt ist.
In derselben Weise wie an die Feste knüpft sich an die Verrichtungen und Ereignisse des täglichen Lebens allerlei zum Teil ganz grober Aberglaube, und zwar nicht nur bei denen, die zu den ungebildeten Gesellschaftschichten zählen, sondern sehr häufig auch bei solchen, die für gebildet und aufgeklärt gelten wollen. Eine Wiedergabe der zahlreichen Gebräuche, Gewohnheiten und Anschauungen, denen wir beinahe auf Schritt und Tritt begegnen, am meisten natürlich beim Landvolk, würde allein einen ganzen Band füllen; wir müssen uns deshalb darauf beschränken, auf einige wenige Beispiele hinzuweisen, wie das Anzaubern und Anhexen von Krankheiten, das Besprechen derselben zu ihrer Heilung, das Hersagen von sogenannten Segen (Diebessegen, Kugelsegen, Bienensegen und so fort) zur Abwendung von Gefahren oder zur Ermittlung des Verbleibs gestohlener Sachen, die Furcht vor dem bösen Blick sowie vor der Zahl dreizehn, die Verkündigung bevorstehenden Glücks oder Unglücks durch den Ruf gewisser Tiere und dergleichen. Länger wollen wir dagegen bei den drei wichtigsten Ereignissen des Lebens verweilen, der Geburt, der Heirat und dem Tode.