Phot. E. H. Binney.
Abb. 315. Hans im Grünen,
ein alter Maibrauch, der jetzt nur noch von der Gilde der Schornsteinfeger geübt wird.
Der deutsche Volksglaube verlegt den Ursprung der neugeborenen Kinder teils in Gewässer, Flüsse oder Brunnen, teils in Felsspalten, Höhlen und hohle Bäume. Von hier holt sie der Storch (Norddeutschland) oder die Hebamme (Süddeutschland) und führt sie den Eltern zu. In England läßt man die kleinen Kinder aus weniger geheimnisvollen Orten herkommen, wie aus dem Kohlkopf, dem Petersilienblatt, dem Stachelbeerstrauch oder auch aus der Tasche des Doktors. Der Storch, an der Wasserkante Adebar genannt, wirft die Kleinen oben in den Schornstein hinein und beißt die Mutter ins Bein, weswegen sie einige Tage das Bett hüten muß; die Geschwister beglückt er mit Zuckertüten.
Bereits mit der Schwangerschaft setzen allerlei abergläubische Gebräuche ein. Das Versehen der Schwangeren spielt eine große Rolle beim Volke, weswegen man sich bemüht, alle schrecklichen und häßlichen Eindrücke von der angehenden Mutter fernzuhalten; sie darf unter anderem auch keinen verkrüppelten Menschen erblicken, weil sonst das Kind ebenso mißgestaltet werden könnte, kein brennendes Haus sehen, weil das Kind sonst ein Feuermal bekäme und mehr dergleichen. Vielmehr sucht man der Schwangeren immer nur möglichst schöne Gestalten und Bilder vor Augen zu führen. Mancherlei Tabus werden der Frau während ihres gesegneten Zustandes auferlegt. So darf sie sich nicht das Haar kürzen, weil sonst das Kind kahlköpfig werden würde, ihren Zustand nicht verleugnen, weil es sonst schwer sprechen lernen würde, nicht erschreckt oder gereizt werden, weil das Kind sonst leicht zornig werden könnte, auch nicht waschen oder spinnen, nicht unter etwas hindurchkriechen und so weiter. Auf der anderen Seite wieder wird es gern gesehen, wenn eine Frau, die guter Hoffnung ist, von einem Baume, der zum erstenmal Früchte trägt, etwas genießt, damit derselbe fortan reichlicher trage. In England darf keine Frau, die selbst nährt, zu einer Schwangeren gehen, denn dadurch könnte diese Gefahr laufen, ihr Kind später nicht selbst stillen zu können. Hat die Stillende diese Vorsicht doch außer acht gelassen, dann gibt es ein Mittel dies wieder gutzumachen: die künftige Mutter muß sich das Kind der Schuldigen heimlich zu verschaffen suchen und es mit Hilfe einer Freundin über ihre Schürze gleiten lassen.
Phot. Underwood & Underwood.
Abb. 316. Szene von der Johannisfeier in Skandinavien.
Das Landvolk tanzt um den mit Blumen und Kränzen verzierten Mittsommerbaum (Majstang).
Die Geburt sucht man auf mancherlei Weise zu erleichtern, so durch Darreichung von allerhand Tränklein, bei denen dem Honig eine wichtige Rolle zukommt, durch Umhängen von Amuletten, Unterlegen eines Gebetbuches oder eines Himmelsbriefes unter das Kopfkissen der Kreißenden und ähnliche Maßnahmen. In Norwegen muß man, wenn eine Entbindung bevorsteht, alle Knoten im Hause, besonders an den Kleidern, lösen. — Anklängen an die Couvade begegnen wir noch auf den Britischen Inseln. Vielfach glaubt man hier auf dem Lande, daß von den Geburtschmerzen der Mutter etwas auf den Vater übergehen könne, bei diesem aber eine andere Form annehme, zum Beispiel die heftiger Zahnschmerzen oder des Reißens. Eine Irin zieht bei der Niederkunft den Rock oder die Beinkleider ihres Mannes an, damit er die Schmerzen mit ihr teile und sie dadurch Linderung erfahre.