Wird in England ein Knabe mit einem Mädchen zusammen getauft, dann trägt man das letztere zuerst zum Taufbecken, denn der Knabe könnte „seinen Bart im Wasser lassen“, und das könnte für das Mädchen unangenehme Folgen haben. Im Norden erhält der erste Mann oder die erste Frau, der man auf dem Wege zur Kirche begegnet, Kuchen, der oft noch von der Geburtsfeier herrührt, oder Brot und Käse, für gewöhnlich mit einem Schuß Whisky, und zwar ist, wenn der Täufling ein Knabe ist, die zuerst begegnende Frau der Empfänger, umgekehrt, wenn ein Mädchen getauft wird, der erste Mann. Die gute Sitte erfordert, daß die so ausgezeichnete Person sofort kehrt mache und den Taufzug ein Stück Weges begleite. In Cornwallis bezeichnet man dies mit dem Ausdruck „das Kind segnen“.
Wie dem ungetauften Kinde, so droht auch der Mutter, wie man in England glaubt, solange Unglück, als sie noch nicht in die Kirche gegangen ist. In Cornwallis pflegen die Frauen, die ihren ersten Kirchgang tun, einen „Seufzerkuchen“ mitzunehmen, den sie der ersten besten Person, die sie treffen, schenken.
Auch an die Wiege knüpft sich mancherlei Aberglaube. In Shropshire (England) darf eine solche für das Kind erst benutzt werden, wenn es getauft ist. Man darf eine leere Wiege auch nicht schaukeln, denn dies würde unverzüglich einen neuen Insassen zur Folge haben oder auch dem Kinde Unglück bringen. Auch darf man, so meint man in den schottischen Hochlanden, eine Wiege niemals leer versenden, sondern muß irgendeinen Gegenstand hineinlegen, gewöhnlich einen Hahn, eine Henne, Kartoffeln oder einen Mehlsack; es liegen hier offenbar Überreste eines alten Opferbrauches vor. Auch erfordert der Volksglaube, daß man, bevor das Kind die Wiege in Gebrauch nimmt, eine Henne oder einen Hahn hineinlege und daß man für den Erstgeborenen keine neue Wiege kaufe, sondern sich eine leihe.
Abb. 323. Antrieb des Almviehs (Spitzingalm bei Schliersee).
Die mit Blumen und Bändern geschmückten Kühe werden zum erstenmal nach dem Winter in die Berge getrieben.
Um die Kinder gegen Krankheiten zu schützen, gibt es in England allerlei abergläubische Gebräuche. Kinderzähne, die ausgefallen sind, bedeckt man mit Salz oder verbrennt sie, um zu verhindern, daß der folgende Zahn ein Hunde- oder Schweinezahn werde. Auf den Hebriden darf man kein Feuer aus einem Hause holen, in dem sich ein Kind ohne Zähne befindet, weil es sonst vielleicht überhaupt keine bekommen würde. Auch darf hier ein Kind nicht rückwärtslaufen, weil man fürchtet, es könnte dadurch das Leben der Mutter verkürzen. In Shropshire darf man das Kind nicht mit einem gestutzten Besen züchtigen, weil dadurch das Wachstum gehindert werden soll, sondern man muß dies mit einer schlanken Birkenrute tun. Noch heutigestags zieht man auf dem Lande ein Kind, das einen Bruch hat, durch eine gespaltene Esche hindurch.
Phot. Gebr. Haeckel, Berlin.
Abb. 324. Ausflug eines Vereins zum Einholen des Pfingstgrüns.