Abb. 364.
Vom Haarmarkt in Saint-Jean in der Bretagne.

Die Frauen lassen sich das Haar von umherziehenden Haarschneidern kürzen und verkaufen es an diese.

Sobald ein Mord begangen ist, flüchtet der Mörder in den nächsten Wald oder ins Gebirge; seine Freunde sorgen dafür, daß er unentdeckt bleibt, und bringen ihm Nahrung. Dagegen machen die Verwandten und Freunde des Ermordeten die größten Anstrengungen, des Angreifers habhaft zu werden und ihn gleichfalls niederzustechen oder, falls ihnen dies nicht gelingt, an seinen nächsten Verwandten Rache zu üben. Es ist dies die bekannte Blutrache, die Vendetta, die oft genug immer weitere Kreise zieht und sich vielfach von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzt. Bisher konnte sie durch keine Macht ausgerottet werden. Die Obrigkeit in Italien hat nicht die Macht, diesem gefährlichen Treiben Einhalt zu tun; das Volk kümmert sich eben nicht um die Gesetze der Regierung und regelt das Unrecht nach ungeschriebenem Sittenkodex. In Süditalien ist es die Kamorra, auf Sizilien die Mafia, die diese Volksgerichtsbarkeit in die Hand genommen haben. Beide Geheimbünde erfreuen sich immer noch eines guten Gedeihens, wenngleich sie dem Namen nach unterdrückt sein sollen. Denn gerade die Polizei, die sie zu Fall bringen sollte, ist ihr bester Freund und Bundesgenosse. Eine einheitliche Organisation besitzen weder die Kamorristen noch die Mafiosen; es bestehen vielmehr in verschiedenen Gemeinden verschiedene Verbände der Kamorra beziehungsweise Mafia, die unabhängig voneinander ihr Gebiet bearbeiten, manchmal aber auch sich gegenseitig befehden. Die Tätigkeit der beiden Geheimbünde ist nach den Örtlichkeiten verschieden, meistens besteht sie in gegenseitiger Selbsthilfe und gelegentlich im Rächen von Unbilden nach dem Faustrecht, aber auch in der Unterstützung unterdrückter, dem Bunde fernstehender Personen. Sie reicht von den niedrigsten bis in die höchsten Schichten hinein, so daß ebensogut die Wahl eines Gemeindedieners wie die eines Parlamentsmitgliedes von diesen Geheimbünden abhängen können, und zwar erstreckt sich ihr Einfluß über mehr als die Hälfte des ganzen Landes. Der feste Glaube, daß sein besonderer Schutzheiliger, dessen Reliquie der Kamorrist oder Mafiose in einem kleinen Beutel um den Hals trägt, ihn vor jeder Kugel der Truppen, die zu seiner Verfolgung ausgesandt werden, behütet, verleiht ihm den zu seinem gefährlichen Handwerk erforderlichen Mut.

Phot. J. Laurent & Co.

Abb. 365. Tracht der Bevölkerung von Valencia.

Sowohl die männliche wie die weibliche Tracht ist reich, eigenartig und malerisch.

Aus: Gallichan, Spain Revisited.

Abb. 366. Spanierin mit der Mantille.