die im einsamen Gebirge die Herden hüten, sehr genügsam leben und in Strohhütten auf einer Streu übernachten. Ihr einziges Vergnügen besteht im Blasen auf dem „ciufolo“, einer Art Pfeife.

Da die Südeuropäerinnen, soweit sie zum Volke gehören, meistens ohne Kopfbedeckung auszugehen pflegen, so widmen sie der Pflege ihrer Haare große Sorgfalt. Es klingt kaum glaublich und ist doch tatsächlich wahr, daß man in Süditalien überall Volkshaarkünstlerinnen antrifft, die ihr Gewerbe für fünf Centesimi ausüben, und zwar nicht im Innern der Häuser, sondern unter freiem Himmel auf der Straße. In den Volksvierteln Neapels ist es am Sonnabendnachmittag keine Seltenheit, die dunkeläugigen Frauen eine neben der anderen auf der Straße sitzen und darauf warten zu sehen, daß die Haarkünstlerin ihr tiefschwarzes Kopfhaar in gefällige Formen bringe. Dagegen wird in der Bretagne der Pflege der Haare keine besondere Sorgfalt gewidmet. In den Augen der dortigen Bevölkerung sind Locken geradezu verpönt. Ein junges Mädchen, das durch die Schönheit seiner Haare in Versuchung kommen sollte, nur ein einziges Löckchen unter der festsitzenden kappenartigen Kopfbedeckung hervorsehen zu lassen, würde Gefahr laufen, der Aussicht auf einen Freier verlustig zu gehen; denn die jungen Burschen würden sie für leichtfertig und ihrer Zuneigung nicht würdig erachten. Diese Sitte hat offenbar dazu geführt, daß die bretonischen Frauen und Mädchen, da sie ihr Kopfhaar nicht recht zur Geltung bringen können, es an umherziehende Leute, die sich alljährlich zu den Festen einfinden, verkaufen ([Abb. 364]). Die Männer dagegen pflegen ihr Haar lang wachsen zu lassen, oft bis über die Schultern herab, eine Sitte, die übrigens schon dem griechischen Satiriker Luzian von den Bretonen bekannt war. Eine besondere Bewandtnis hat es mit den schwarzen Schlapphüten der Männer, wie sie nicht nur in der Bretagne, sondern auch sonst in Frankreich getragen werden. Sie werden nämlich so gebogen, daß sie auf der einen Seite eine in die Höhe stehende Spitze bilden, und unverheiratete junge Männer setzen den Hut nun so auf, daß seine Spitze über dem Ohr zu stehen kommt, während Verheiratete dieselbe nach hinten, Witwer sie nach vorn tragen. Wer diese Sitte kennt, kann daher aus der Art, wie jemand den Hut trägt, leicht erraten, wie es in ehelicher Hinsicht mit ihm bestellt ist.

Aus: Gallichan, Spain Revisited.

Abb. 363. Eine Frau aus der Provinz Galicien (nordwestliches Spanien)

in ihrer anmutigen Tracht.

In Toulouse besteht noch heutzutage der merkwürdige Brauch der Verunstaltung des Schädels durch das beständige Tragen einer festen Kappe von frühester Kindheit an; der Schädel wird dadurch in eine langgezogene Form gedrängt. Einen schädlichen Einfluß auf die geistigen Fähigkeiten übt diese Verunstaltung indessen nicht aus. Sehr verbreitet ist unter den Romanen auch die Unsitte des Tatauierens. In Süditalien herrscht sie besonders im Gebiete von Loreto, wo sich nach dem Volksglauben das von den Engeln dorthin gebrachte Haus der Jungfrau Maria befindet. Zu Ehren der Himmelskönigin lassen sich die Tausende von Besuchern dieses Wallfahrtortes deren Monogramm in die Haut „einschreiben“.

Ebenso wie in körperlicher Hinsicht unterscheiden sich Romanen und Germanen auch in geistiger streng voneinander. Während der Germane ein ernstes, nachsinnendes, gemessenes Wesen zur Schau trägt, viel überlegt, nachdenkt, sich nur langsam und erst durch Vernunftgründe überzeugen läßt und zur Innerlichkeit neigt, zeigt der Romane ein heiteres, leichtlebiges, leidenschaftliches Temperament, begeistert sich schnell für alle Neuerungen, ohne viel zu überlegen, ist sehr leicht bestimmbar und läßt sich gern durch Äußerlichkeiten und Förmlichkeiten beeinflussen. Seine durchschnittliche Bildung steht auf einer viel niedrigeren Stufe als die des Nordeuropäers; es gibt unter den Spaniern und Italienern noch ungemein viel Leute, die weder lesen noch schreiben können. Daher haben in Städten und Dörfern auf Plätzen, in Straßen und vor den Posthaltereien öffentliche Schreiber ihre Buden aufgeschlagen, die einen kleinen Tisch mit Papier, Tinte und Feder enthalten; hier wird der Briefwechsel der Schreibunkundigen erledigt, eingelaufene Briefe ihnen vorgelesen und die Antwort geschrieben. Lebhaften Zuspruch erhalten diese öffentlichen Schreiber auch von Liebenden; über deren Angelegenheiten bewahren sie tiefstes Amtsgeheimnis.

Mit der leichten Erregbarkeit der Südländer hängt auch ihre große Vorliebe für Duelle ([Abb. 370]) zusammen. Dies gilt schon von Frankreich, noch weit mehr aber von Spanien und Italien. In Frankreich kommt der Zweikampf hauptsächlich unter den oberen Zehntausend vor, besonders unter Offizieren, Leuten, die im öffentlichen Leben stehen, und Journalisten. Sie tragen ihre Streitigkeiten meistens mit dem Florett aus, und zwar sind die Anlässe in der Mehrzahl der Fälle ganz geringfügig, ja lächerlich. Sehr wenige dieser Zweikämpfe endigen mit gefährlichen Verletzungen für die Kämpfenden; ein kleiner Stich mit dem Degen oder ein paar in die Luft abgegebene Schüsse genügen meistens, um die verletzte Ehre wiederherzustellen. Viel häufiger und ernster sind dagegen die Duelle bei den Leuten aus dem Volk auf der italienischen und der spanischen Halbinsel. Hier werden sie meistens mit dem Messer ausgetragen. Nur zu leicht fühlen sich die Südländer in ihrer Ehre verletzt und greifen daher sogleich zum Messer oder zum Revolver. Zahlreiche Kreuze, denen man auf seinen Wanderungen in Italien begegnet, legen davon Zeugnis ab, daß hier ein Mord begangen wurde, und bilden eine stillschweigende Mahnung an die Gesetzlosigkeit, die noch immer im Lande herrscht. Auch Eifersucht spielt bei der Entstehung derartiger Duelle eine große Rolle. Nicht selten ist die Italienerin stolz auf die Wunden, die ein verschmähter Liebhaber ihr im Gesicht beibrachte, um es zu entstellen; sagen sie ihr doch, daß sie imstande ist, Leidenschaften unter den Männern zu einfachen.