Unter keinem Himmelstrich Europas bringt das Volk dem Tanzen so lebhaftes Interesse entgegen wie in Italien und vor allem in Spanien. Hier ist wieder Andalusien, wo die Herzen am raschesten schlagen und die Liebe am wildesten auflodert, entschieden das Wiegenland der spanischen Tänze, denn an dieser Stätte sind eine ganze Reihe derselben entstanden, und von hier aus haben sie sich nicht nur Spanien, sondern einzelne die ganze Welt erobert. Der älteste spanische Tanz, der Fandango, ist ein urechtes Kind des sonnigen Andalusiens, in dem die ganze Liebessehnsucht und Leidenschaft der Tanzenden zum Ausdruck kommt. „Ein getanztes Bekenntnis der Liebe“ hat man einmal den Fandango treffend genannt. Der spanische Tanz, mag er nun Fandango oder Cachucha, Bolero, Malequeña, Seguidilla oder sonstwie heißen, ist nämlich fast immer eine anmutig durchgeführte Pantomime, in der die Liebessehnsucht, Werbung, Erhörung oder Ablehnung zum Ausdruck kommen. Die einschmeichelnden Töne, die den Saiten der Gitarre, des Nationalinstrumentes der Spanier, entlockt werden, und der melodische Gesang, der sie begleitet, verleihen den spanischen Tänzen erst den vollen Reiz; alle drei sind unzertrennbar miteinander verbunden zu einem harmonischen Ganzen.
Der Süditaliener hat seine Tarantella ([Abb. 371]), einen Tanz, der gleichfalls der Erotik nicht entbehrt, aber hinsichtlich der Inbrunst, mit der er getanzt wird, wohl kaum dem Fandango gleichkommen dürfte. Für gewöhnlich schlagen die Tanzenden mit einem Tamburin den Takt dazu, während Musikanten mit der Gitarre oder dem Dudelsack die Begleitung spielen. Das lebhafte Temperament der Südländer kommt so recht in ihrer ausgelassenen Karnevalfeier zum Ausdruck ([Abb. 367]).
Phot. Harlingue.
Abb. 371. Tarantellatänzer in Sorrent.
Alle Südeuropäer sind in hohem Grade strenge Anhänger der katholischen Kirche, der sie leidenschaftlich ergeben sind. Im besonderen gilt dies für die Spanier, unter denen sich der Katholizismus des allergrößten Ansehens erfreut. Nirgends in Europa begegnet man daher so viel Geistlichen, Ordensgesellschaften (Mönchen und Nonnen), Kirchen, Klöstern und Prozessionen, nirgends einem solchen Einfluß der alleinseligmachenden Kirche wie in Frankreich, Spanien und Italien. Der Reliquiendienst, desgleichen der Glaube an Wundertaten treibt hier besonders reiche Blüten. Mit großer Regelmäßigkeit wiederholen sich die Wunder in dieser oder jener Stadt. Die Grotte zu Lourdes ist bekannt. Sie hat dem Erscheinen der Jungfrau Maria ihr Entstehen zu verdanken; alljährlich pilgern viele Tausende von Kranken aus aller Herren Ländern nach dieser Wundergrotte, um Heilung von ihren Gebresten zu finden ([Abb. 375] und [394]). In Neapel fließt das geronnene Blut des heiligen Januarius alle Jahre an einem bestimmten Tage und zieht gleichfalls Hunderttausende von frommen Menschen an, die dieses Wunder mit eigenen Augen zu schauen begehren. Sankt Nikolaus in Bari besitzt ein Wunderknie, aus dem dauernd Wasser rieselt, das man in kleinen Gefäßen auffängt und im ganzen Lande als unfehlbares Mittel gegen alle möglichen Krankheiten, sogar gegen gebrochene Beine, verkauft. Und so ließen sich noch viele andere Stätten aufzählen, deren Besuch bei dem Gläubigen Wunder wirken soll.
Prozessionen ([Abb. 374], [376], [378], [379] und [397]) nach solchen Orten finden beständig statt. Aber nicht nur zu solchen Wunderstätten veranstaltet man feierliche Umzüge, sondern noch zu zahlreichen anderen heiligen Plätzen, Kirchen, Klöstern, Kreuzen und so weiter, die irgendwie mit einem der Heiligen in Beziehung stehen. Aus der Zahl der Heiligenbilder, die solche Stätten zieren, aus der Menge der Opfergaben, die dort hängen — sie bestehen aus verschiedenartigen Gegenständen, für gewöhnlich aus der Nachbildung eines einzelnen Körperteiles, der durch die wundertätige Vermittlung des besonderen Heiligen von seinem Schaden befreit wurde —, und aus der Anhäufung von Geldspenden kann man auf die Volkstümlichkeit eines Heiligen Schlüsse ziehen.
Phot. Alinari.
Abb. 372. Umherziehende Musikanten in Kalabrien,