Abb. 387. Vom Fest des heiligen Paulinus,
des angeblichen Erfinders der Glocken, zu Nola. Mächtige Türme, die von Statuen, auf Ereignisse im Leben des Heiligen anspielend, gekrönt sind, werden dabei durch die Straßen getragen.
Daß eine religiöse Feier für die Romanen ohne gleichzeitige Lustbarkeit kaum denkbar ist, wie die angeführten Beispiele zur Genüge zeigen, liegt in dem Charakter dieser Völker. Ihre Religiosität ist auch keine tiefgehende, innerliche, sondern trotz sorgsamer Pflege durch die Kirche und ihre Diener meist eine nur äußerliche. Dafür spricht auch der Umstand, daß alle diese Nationen trotz ihrer Frömmigkeit noch tief im Aberglauben stecken; in Frankreich und Spanien sind vorgeschichtliche Steindenkmäler verschiedentlich noch Gegenstand abergläubischer Verehrung ([Abb. 388]). Die Furcht vor bösen Geistern, Hexen und anderen mißgünstigen Wesen ist überall in Stadt und Land verbreitet. In Italien ist es bekanntlich vor allem die Furcht vor dem bösen Blick, von dessen Einfluß das Volk in allen seinen Schichten fest überzeugt ist. Es dürfte in den romanischen Ländern wohl kaum einen Menschen geben, und zwar nicht allein unter dem niederen Volke, der nicht irgendein Amulett, sei es das Bildnis eines Heiligen oder irgendein anderer Gegenstand, bei sich trägt oder gegen eine ihm drohende Gefahr schnell die sogenannte Fica oder Feige macht, das heißt seine Hand nach der Seite, von woher ihm ein vermeintliches Unglück naht, oder nach der betreffenden Person ausstreckt und dabei den kleinen und den Zeigefinger vorhält, während die übrigen Finger eingeschlagen bleiben.
Phot. The Exclusive News Agency.
Abb. 388. Ein Dolmen (vorgeschichtliches Grabmal) zu Barroza
(Provinz Minho), den jede Braut zehn Meilen im Umkreis aufsucht, weil dies Glück bringen und die frommen Wünsche, die im Schatten dieses Steines vorgebracht werden, in Erfüllung gehen sollen.
Besonders Kinder glaubt das Volk am leichtesten dem Einfluß der bösen Mächte ausgesetzt; um diesen abzuwehren oder wieder unschädlich zu machen, kennt es zahlreiche Mittel. Am beliebtesten ist das schon geschilderte Entgegenhalten der Hand, das übrigens schon von den alten Römern als Abwehrmaßregel geübt wurde; ferner kommen als solche Mittel noch in Betracht das Umhängen von Amuletten (kleine Nachbildungen der „Feige“ in Gold, Silber, Blei oder, was besonders wirksam sein soll, in roter Koralle, aus denselben Stoffen hergestellte figürliche Darstellungen von Sirenen, das sind Weiber mit Fischschwanz, kleine Hörner, Phalli, Türkise, Perlen und manches andere der Art) um den Hals der Kleinen, das Anbringen von großen Kuhhörnern an der Tür oder vor dem Hause, das Anspeien der Kinder in dem Augenblick, wo man annimmt, daß sie vom bösen Blick betroffen worden sind, und dergleichen ([Abb. 391]). Auch die sonst besonders bei den slawischen Völkern sehr verbreitete Furcht vor bösen Hexen, Zauberern, Druden und anderen dämonischen Wesen, die dem Kinde ein Leid antun, es wohl auch gegen einen sogenannten Wechselbalg eintauschen, spukt im italienischen Volke. Allgemein ist der Aberglaube, daß eine solche Hexe von dem Kinde Besitz ergreifen könne, wenn man seine Wäsche in der Nacht zum Trocknen draußen hängen läßt. Daher pflegt die italienische Mutter diese sorgsam vor Einbrechen der Dunkelheit hereinzuholen. Unterläßt sie diese Vorsichtsmaßregel, dann kann sie den Zauber dadurch wieder lösen, daß sie die Wäsche erst am anderen Tage hereinnimmt, nachdem sie tüchtig der Sonne ausgesetzt worden ist. Auch die kleinen Kinder, die über das Ave-Maria-Läuten hinaus im Freien bleiben, fallen nach dem Volksglauben den Hexen leicht zum Opfer. — In der Bretagne hängt man den Neugeborenen, um sie gegen Zauberei zu schützen, geweihtes Brot um den Hals oder steckt ihnen solches in den Ärmel, muß aber jeden Tag neues Brot dazu nehmen.
Abb. 389. Adventsfeier in Neapel.