Phot. The London Electrotype Agency.
Abb. 385. Beginn der Karwoche in Rom.
Ein Geistlicher klopft mit dem Stabe des in violettes Tuch gehüllten heiligen Kreuzes an die Tür der Basilika. Diese wird darauf geöffnet, und die Priester, die Palmen in der Hand halten, treten ein.
Phot. Alinari.
Abb. 386. Die Brüderschaft der „Misericordia“ in Florenz,
die es sich, wie viele andere Laiengenossenschaften, zur Aufgabe gemacht haben, bei Begräbnissen mitzuwirken. Die „Misericordia“ leistet außerdem bei Straßenunfällen hilfreiche Hand (wie im Bilde). Die Mitglieder sind bei Ausübung ihrer Tätigkeit von Kopf zu Fuß vermummt.
In Venedig bildet das Erlöserfest ein gleichfalls großartiges Schauspiel. Schon wochenlang vorher beginnt das Volk in freudiger Erwartung eifrig mit seinen Vorbereitungen. Am dritten Sonnabend des Juli nimmt das Fest dann seinen Anfang. Nachdem Glockengeläute seinen Beginn angekündigt hat, setzt sich die Bevölkerung von ganz Venedig nach der Insel Giudecca in Bewegung, wo sich die Kirche mit der Statue des Redemtore befindet, um hier zu beten und zu feiern. Das zweite scheint dabei die Hauptsache zu sein; denn um die Basilika herum sind viele Buden aufgeschlagen, und unter dem Sternendach der Julinacht entwickelt sich hier ein wirkliches Jahrmarkttreiben mit Musik, Tanz, Osterien, Garküchen, Seiltänzern, Menagerien und vielen anderen Lustbarkeiten. Zahllose Barken nähern sich aus den vielen Seitenkanälen dem Festplatze und fahren vor ihm auf und ab oder legen sich vor Anker; es sind dies aber nicht jene schwarzen, unheimlichen Gondeln, wie sie Venedig sonst nur kennt, sondern schwimmende Baldachine, Lauben aus Lorbeer- und Myrtenzweigen oder auch Weinranken, ferner Zelte aus bunter Seide und Musselin, alles lebhaft prangend im Schmuck der purpurnen Granat- und safranfarbigen Oleanderblüten und phantastisch beleuchtet von farbigen Glaslampions. In ihnen sitzen die vornehmen Patrizier der Lagunenstadt um kristallgedeckte Tische beim leckeren Mahl und perlenden Schaumwein. In bescheideneren, mit armseligen Papierlaternen geschmückten Gondeln erfreuen sich die Ärmeren aus dem Volke an einem Laib Polenta, aber alles ist ausgelassen lustig und singt unter Begleitung zahlreicher Musikbanden, die ihre Weisen auf dem Wasser ertönen lassen. Die Stimmung wächst um Mitternacht und erreicht ihren Höhepunkt in den ersten Morgenstunden, bis die Glocke die dritte Stunde verkündigt. Wie mit einem Schlage verstummen jetzt Musik, Singen, Lachen, Becherklang und Lärm. Die Fröhlichkeit ist verflogen und an ihre Stelle die graue Nüchternheit und tiefe Buße getreten. Sowie der letzte Glockenschlag verhallt ist, setzen die Boote sich schleunigst nach der Düne des Lido zu in Bewegung, wo bereits Tausende von Menschen, die soeben noch der ausgelassensten Fröhlichkeit hingegeben waren, in ernster Stimmung darauf warten, daß die Sonne sich goldig aus der Meeresflut erhebe. Ein Jubelschrei entringt sich allen Lippen bei ihrem Erscheinen, und die zahllose Menge sinkt andächtig in die Knie, um sich vor der majestätischen Naturerscheinung zu beugen und zu beten.
Phot. J. Brocherel.