Phot. The London Electrotype Agency.

Abb. 383. Karfreitagsprozession in Sevilla zu Ehren der heiligen Jungfrau.

Die Teilnehmer, sämtliche Ordensgesellschaften, sind teils schwarz, teils braun oder weiß gekleidet und tragen schwarze Kapuzen. Auf ihren Standarten steht die bekannte Inschrift der alten Römer (SPQR = Senatus populusque Romanus). Die Polizisten, die den Zug begleiten, halten die linke Hand auf die Brust.

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 384. Karfreitagsprozession der Frauen zu Kergornet.

Im Vordergrund ist Reisig zu einem der dabei üblichen Freudenfeuer aufgestapelt; ein alter Überrest aus der Druidenzeit.

In Neapel, wie überhaupt in den Städten unter der Sonne Süditaliens, wo das Leben sich leidenschaftlicher und lauter abspielt, kennt man zur Sommerszeit eine ganze Reihe von Festen, die im Juni beginnen und fast ununterbrochen bis in den September hinein andauern. Jede der hundert Kirchen Neapels feiert in dieser Zeit ihr besonderes Fest. Dann verwandeln sich die Straßen in der nächsten Umgebung der betreffenden Kirche für einige Tage gleichsam in Festsäle mit Fahnen, Girlanden, Teppichen, Lampions, Kandelabern und bunten Lämpchen; Musikbanden lassen ihre Weisen ertönen, und am Abend knallt und sprüht das Feuerwerk; natürlich wird dabei auch dem Wein tüchtig zugesprochen. Ebenso ist es in anderen Städten. Das großartigste aller dieser Feste ist das des heiligen Paulinus oder der tanzenden Türme zu Nola, das zur Erinnerung an weit zurückliegende Zeiten begangen wird, als der Vandalenkönig Geiserich mit seinen Scharen Italien überflutete und der Bischof Paulinus im Jahre 460 aus der Gefangenschaft dieses Fürsten mit seinen Nolanern in die Heimat zurückkehrte. Schon Tags zuvor strömen die Pilger zu Tausenden zusammen und harren auf den Straßen, den Balkonen und den Dächern des eigenartigen Schauspiels. Auf dem Markte hat man nämlich auf einer festen Unterlage Türme aus Fachwerk errichtet, die die größten Häuser überragen; sie bestehen aus mehreren Stockwerken, von denen die unteren mit Teppichen und Gemälden (Szenen aus dem Leben des Heiligen) geschmückt sind, auch eine Rampe für Musikanten tragen, die übrigen bis oben hinauf mit Säulen, Standbildern und allerlei Zierat aus farbigem Stuck bekleidet sind; das Ganze wird von der lebensgroßen Figur eines Engels oder des Heiligen gekrönt ([Abb. 387]). Diese Türme sollen die „Lilien“ und andere Blumen des Sankt Paulinus bedeuten, die man in früheren Jahrhunderten bei den Prozessionen trug, mit der Zeit aber ins Ungeheure vergrößerte, indem einer mit dem anderen wetteiferte, die Pyramiden immer reicher auszuschmücken. Zu diesen „Giglii“ (Lilien) tritt nun noch des weiteren in der Mitte des Platzes ein mächtiges, bewimpeltes Schiff mit schwellenden Segeln, das ebenfalls auf einem Balkenwerk ruht und das Fahrzeug vorstellen soll, auf dem Paulinus der Heimat zueilte. An Stelle des Bischofs trägt es aber an Bord einen pechschwarzen, orientalisch gekleideten Mohrenkönig. Die Hauptsache bei der Feier des Paulinusfestes ist aber der Tanz dieser Türme. Zahlreiche kräftige Leute kommen mit Hebebäumen heran und heben die schwere Last samt dem ganzen Aufbau und der darauf sitzenden Musikbande hoch. Das eine Turmpaar bewegt sich auf das gegenüberstehende zu, dann wieder zurück; dasselbe tut das andere Paar, darauf gehen beide gleichzeitig aufeinander zu, drehen sich nach rechts und links, ziehen aneinander vorbei und kehren wieder auf ihren Stand zurück, alles geradeso wie bei unserem Kontertanz. Nachdem das Schiff schließlich noch einige Male um den Marktplatz gezogen worden ist, wiederholt sich das ganze Schauspiel noch verschiedene Male, wohl zwei Stunden lang; dabei sind die Beteiligten unermüdlich, denn Ermattung kennt der Italiener nicht, zumal wenn der tobende Beifall der Menge seinen Mut und Ehrgeiz immer von neuem anspornt. Hieran schließt sich dann eine Prozession rings um den Marktplatz unter einem Regen von Blumen und Konfetti. Ist diese Feierlichkeit vorüber, dann bedeckt sich der ganze Platz mit allerhand Buden, in denen man Heiligenbilder, Zuckerwerk, Obst und besonders Schnüre von gerösteten Kastanien und Haselnüssen feilbietet. Den Abschluß bilden, wie gewöhnlich, ein prächtiges Feuerwerk, Tanz und Musik. Auch fehlt an einem solchen Abend eine dem italienischen Volke eigentümliche Art von Stegreifgesängen, die Canti a figliuole, nicht; es sind dies Rezitative, die mit einem hohen Tone einsetzen und sich durch ein bis zwei Oktaven chromatisch hindurchwinden, um in einem langgehaltenen Grundton auszuklingen. Für gewöhnlich singen die jungen Burschen solche Canti, um ihren Mädchen aus der Ferne allerlei Liebes mitzuteilen, weswegen sie auch die Bezeichnung Canti a figliuole (Mädchenlieder) führen. Am Paulinusabend nun teilen sich die Sänger in zwei Parteien und besingen in edlem Wettstreit die Taten der Heiligen oder die Ereignisse des Tages in dieser Form, wobei sie sich in freien Erfindungen und kühnen Witzen zu überbieten suchen.

In Siena findet an zwei Tagen im Jahre, Mariä Heimsuchung und Mariä Himmelfahrt, auf dem Marktplatz zwischen den Vertretern von zehn Stadtbezirken ein sonderbares Wettrennen, der Palio, statt, bei dem der Siegespreis in einem seidenen, mit dem Bilde der Madonna geschmückten Banner besteht. Natürlich strömt zu diesem Schauspiel, bei dem die Abgeordneten der einzelnen Bezirke die Tracht des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts in hellleuchtenden Farben tragen, eine vieltausendköpfige Menge zusammen. Unter Glockengeläute ziehen diese Vertreter zunächst in ihre Bezirkskirchen, um dort den Jockei und sein Pferd — es sind keineswegs Rennpferde an dem Wettrennen beteiligt, sondern gewöhnliche Arbeitspferde — vor dem Altar durch den Priester weihen zu lassen. Aus dem Verhalten der Rosinante wird vielfach schon der Erfolg vorausgesagt; wenn das Tier bei der Weihe scheu zurückfährt, was wohl meistens der Fall sein dürfte, sobald der Priester ihm plötzlich mit dem Weihwedel vors Gesicht fährt, dann sieht die Menge dies als gutes Vorzeichen an und bricht in endlosen Jubel aus. Von den Kirchen ziehen die Vertreter der Bezirke durch die Stadt auf den Festplatz; der heißersehnte Siegespreis, das Madonnenbanner, wird unter Trompetenschall auf einem von vier Pferden gezogenen altertümlichen Karren dorthin gefahren; den Schluß des Zuges bildet ein bunter Schwarm mittelalterlich gekleideter Gestalten. Das farbenprächtige Bild, das die Zuschauer in vergangene Zeiten versetzt, zumal Siena selbst mit seinen gut erhaltenen alten Bauten diese Vorstellung noch verstärkt, ruft den Jubel der Menge hervor, die an den Straßen, auf den mit Teppichen und Blumen geschmückten Balkonen und Tribünen sich angestaut hat. Der Beifall steigt aufs höchste, wenn der Zug auf dem Markt angekommen ist, die Jockeis im Rathause verschwinden, um ihre malerische Tracht mit einem einfachen Leinenkittel zu vertauschen, und bald darauf ein Kanonenschuß den Beginn der wilden Jagd ([Abb. 393]) anzeigt. Denn eine solche ist es in der Tat, die auf einer schmalen Rennbahn zwischen Tribünen und Häusern anhebt. Sie enthält eine Reihe von Hindernissen, das größte an der Ecke von San Martino ganz nahe beim Turm des Rathauses. Hier hat man an Stelle der Tribünen Matratzen aufgestellt, um die herabstürzenden Reiter nach Möglichkeit vor lebensgefährlichen Unfällen zu bewahren. Denn bei dem dreimaligen Durchreiten der Bahn auf ungesatteltem Pferde pflegt regelmäßig der eine oder andere Reiter oder auch eines der Pferde hinzustürzen. Dessenungeachtet rast man dahin und sucht die armen Gäule durch Knüttel noch anzuspornen. Mit stürmischem Evvivarufen und Hutschwenken wird der Sieger begrüßt und auf Händen im Triumph zu den Preisrichtern getragen, um den Siegespreis in Empfang zu nehmen und mit ihm in die Kirche zu ziehen, wo er der Madonna dafür zu danken hat. Die Mitglieder des betreffenden Bezirks aber feiern dieses frohe Ereignis noch ein bis zwei Wochen lang.