Phot. P. Postel.

Abb. 412. Der Starost eines ruthenischen Dorfes mit den Hochzeitsgeschenken des Bräutigams

auf dem Wege zum Hause der Braut.

Bei den übrigen Slawenstämmen verlaufen die Feste in ziemlich ähnlicher Weise; hier und da gibt es noch besondere Gebräuche ([Abb. 413]). So veranstalten die Slowaken Mährens zu Pfingsten einen prächtigen Aufzug, das Königsreiten oder Königsuchen, auch Königsfahrt genannt (hierzu die farbige [Kunstbeilage], in deren Unterschrift statt Slowaken irrtümlich Slowenen gesetzt wurde). Die jungen Burschen bitten sich für den Pfingstmontag aus einer der angesehenen Familien des Dorfes einen etwa vierzehn- bis fünfzehnjährigen Jungen als König aus und stellen ihm zwei tüchtige „Adjutanten“, drei „Abgesandte“ und ebensoviele „Ausrufer“ und „Einnehmer“. Man vereinigt sich darauf zu einem Festzug in die Dörfer. Die Reiter tragen weiße Schürzen mit roten Schärpen und rote Fähnchen in den großen Schaftstiefeln; der „König“ ist als Mädchen verkleidet, trägt einen Blumenkranz auf dem Kopfe und reitet meistens auf einem Schimmel. Die Pferde sind sämtlich mit bunten Bändern und Tüchern ausgeputzt. Im Galopp reitet die Schar nun in die nächstgelegenen Dörfer und sammelt hier unter umständlichen Förmlichkeiten allerlei Fleisch- und Wurstwaren, die dann abends im Hause des Königs oder im Wirtshaus gemeinsam verzehrt werden, wozu der Vater des Königs das nötige Bier spendet. — Während es bei den Russen am Weihnachtsfest lustig und üppig hergeht, wird dieser Tag von den Slowaken sehr ernst und erhebend begangen. An ihm ruht alle Arbeit, in vielen Dörfern wird nicht einmal gekocht. In einzelnen Orten verbindet die Bäuerin sogar den Rindern das Maul, um zu verhindern, daß das Geräusch des Wiederkauens die Feiernden in ihren Gebeten und in dem Absingen frommer Lieder störe.

Phot. P. Postel.

Abb. 413. Lustbarkeiten am Osternachmittag,

wie sie die ruthenische Jugend auf dem Kirchplatz zu treiben pflegt. Sehr beliebt ist das im Bilde wiedergegebene Bauen von lebendigen Pyramiden.

Das russische Landvolk verharrt noch vielfach in ganz krassem Aberglauben und hält mit großer Zähigkeit an allerlei Gebräuchen fest, die altheidnischen Ursprungs sind. Ganz allgemein verbreitet ist der Glaube an die Damovoi, elfen- oder zwergähnliche Wesen, die man sich schwarz oder rot bekleidet und mit einem langen grauen Barte sowie mit flachsgelben Haaren und roten, leuchtenden Augen vorstellt und in jedem Hause als ständige Genossen anwesend denkt. Von ihnen hängt das Wohl und Wehe der Insassen ab. Daher pflegt man die Überreste des Abendbrots noch eine Zeitlang auf dem Tische stehen zu lassen, um sich dadurch die Hausgeister gut zu stimmen; sollte man ihnen diese Wohltat etwa nicht erweisen, dann würden sie sich zu rächen suchen und das Haus samt seinen Bewohnern ins Unglück stürzen. Der russische Bauer kennt noch verschiedene andere geisterähnliche Wesen, die bestrebt sind, den Menschen Böses zuzufügen. Um ihnen den Eintritt in die Häuser zu wehren, kritzelt man in die Wand und in die Türe das heilige Kreuz und malt es rot oder weiß aus.