Phot. The London Electrotype Agency.
Abb. 414. Brautwahl am Heiligen Abend.
In einigen Dörfern Rußlands ist es Sitte, daß sich die jungen Mädchen, die zu heiraten wünschen, im Hause des Dorfältesten zusammenfinden. Hier nehmen sie nebeneinander Platz und werden mit großen Tüchern verhüllt. Darauf treten die heiratslustigen jungen Männer einer nach dem andern ein. Jeder macht vor einer der verhüllten Gestalten eine Verbeugung, das Tuch wird gelüftet, und die beiden gelten fortan als Brautleute. Natürlich haben die einander gewogenen Paare vorher irgendein Erkennungszeichen vereinbart.
In vielen Gegenden besteht auch die Sitte, daß der Pope bei Beginn des Frühlings die Häuser, Ställe, Scheunen, Wiesen und Äcker segnet, um dadurch die bösen Geister zu vertreiben, die etwa beim Aufbrechen des Eises aus dem Wasser auftauchen und sich an den genannten Orten einnisten könnten. Die Furcht vor Hexen, Teufeln, Zauberern und anderen übelwollenden Wesen ist unter allen Slawenvölkern sehr verbreitet; sie kommt in zahlreichen abergläubischen Vorstellungen und Handlungen bei wichtigen Lebensereignissen zum Ausdruck, hauptsächlich aber bei der Geburt eines neuen Weltbürgers.
Phot. Newton & Co.
Abb. 415. Serbische Braut im Hochzeitstaat,
neben ihr der Priester in vollem Ornat. Der Brautkranz ist aus Basilikum gewunden, das bei der Landbevölkerung als heilig gilt.
Während der Entbindung klopft im Gouvernement Wilna die Hebamme mit einem Besen an die Zimmerdecke. Früher war es in ganz Rußland allgemein üblich, einen Besen in einen Winkel der Stube zu stellen; man glaubte dadurch die Wöchnerin und ihr Kind gegen böse Geister zu schützen, diese sollten damit gleichsam hinausgekehrt werden. Jetzt noch pflegt man bei einer Geburt alles im Hause zu lösen, also auch alle Knoten. Bei den Weißrussen nimmt man aus diesem Grunde der Kreißenden sogar die Finger- und Ohrringe ab — sie sind auch etwas Gebundenes, Geschlossenes — und öffnet vor Beginn der Geburt alle Kästen, Schübe und selbst die Ofentüren, weil auch alles Verschlossene geöffnet werden muß; die Kreißende selbst ruft durch Klopfen mit der Ferse auf die Schwelle des Zimmers die Ahnengeister, deren Sitz dort angenommen wird, zu ihrem Beistande an.
Wenn das Kind geboren ist, muß man sehr darauf achten, daß es nicht vertauscht wird mit einem sogenannten Wechselbalg, einem mißgestalteten Wesen, das vom Teufel mit einer Hexe erzeugt sein soll. Derartige Wechselbälge sind nach dem Volksglauben dadurch gekennzeichnet, daß sie bis zu ihrem zwölften Lebensjahre weiter nichts tun als essen, trinken, schlafen und schreien, daß sie ferner geistesschwach sind, aber über ungeheure Körperkräfte verfügen und mit Ablauf der ersten zwölf Lebensjahre in den Wald zu entwischen trachten. Gelingt ihnen diese Flucht nicht, so müssen sie zeit ihres Lebens unter den Menschen bleiben; sie werden dann zu bösen Zauberern. Um das eigene Kind wiederzuerhalten, muß man eine heilige Messe lesen lassen, doch darf das entführte Kind bis dahin noch nicht von den Speisen des Waldgeistes genossen haben. Trifft diese Voraussetzung zu, dann bringt der Geist das Kind wieder zurück. Man kann sich der Wechselbälge auch auf andere Weise entledigen, indem man sie mit geweihten Ruten peitscht — auf ihr Geschrei hin bringt die Drude oder der Waldgeist das geraubte Kind dann wieder — oder die Wiege umkehrt, so daß der Balg herausfällt. — Der Aberglaube, daß böse Mächte, die bald Waldfrauen oder Waldgeister, bald Hexen, Druden, Alpe, Nixen, Zwerge, Unterirdische und ähnlich heißen, darauf ausgehen, ihre eigene Brut gegen Menschenkinder auszutauschen, hat sich besonders bei den Slawen bis in unsere Tage herein unerschüttert erhalten. Als einem solchen Tausch am meisten ausgesetzt gilt die Stunde des Ave-Maria. Man schützt die Wöchnerin und ihr Kind gegen die Belästigungen von seiten der bösen Geister, indem man das Kind möglichst schnell taufen läßt oder wenigstens den Segen über dasselbe ausspricht, ein Gesangbuch unter sein Kopfkissen steckt, einen hölzernen Hammer und einen Besen kreuzweise unter sein Bett legt, und durch andere derartige Maßnahmen. Auch darf die Frau ihr Kind niemals ohne Aufsicht lassen; daher versammeln sich bei den Südslawen Bekannte und Verwandte sofort nach der Geburt im Hause der Wöchnerin und bleiben stets um sie, wobei sie einander durch Erzählen und Singen die Zeit vertreiben.