Phot. P. Postel.

Abb. 418. Korowaj oder Hochzeitskuchen der Ruthenen.

Vor der Hochzeit werden Freunde und Verwandte eingeladen, um beim Backen der erforderlichen großen Menge Kuchen zu helfen. Dabei werden eigens für diese Gelegenheit übliche Lieder gesungen.

Für die heranwachsende Jugend beider Geschlechter bieten sich viele Gelegenheiten zusammenzukommen und miteinander anzuknüpfen; so die zahlreichen Feste mit ihren Lustbarkeiten, von denen wir oben bereits sprachen, vor allem auch die Reigentänze, bei denen meistens die ungezügelte Leidenschaft zum Durchbruch kommt, sowie die Zeiten des Pilz- und Beerensammelns in den Wäldern. Da die sittlichen Anschauungen beim russischen Landvolk (und nicht minder bei der vornehmen Stadtbevölkerung) ziemlich lax sind, so feiert die Liebe in diesen „Nächten des Rausches“, wie sie heißen, ihre Orgien, aber selten führt dies zu einer festen Verbindung. Denn die Ehe ist nach Ansicht des russischen Bauern weniger eine Sache der Neigung als vielmehr ein richtiges Kaufgeschäft; bei dem patriarchalischen Zusammenleben in einer großen Familie erwartet der Vater, daß sein Sohn ihm eine tüchtige, gesunde, leistungsfähige Frau als Arbeitskraft zuführt. Bis in die Neuzeit herein gab es in verschiedenen Gegenden Rußlands noch wirkliche Heiratsmärkte, auf denen die jungen Männer die auf dem Markte oder dem Kirchplatz aufgestellten Mädchen in Augenschein nahmen und die ihnen passend erscheinenden aussuchten. Heutzutage ist diese Sitte, die sich übrigens auch bei anderen slawischen Stämmen findet, mehr und mehr in Abnahme gekommen. Jetzt kommt vielmehr eine Heirat meistens durch eine gewerbsmäßige Vermittlerin, die Svacha, zustande. Mit den Worten: „Wir haben einen Käufer, ihr eine Ware; wollt ihr nicht eure Ware verkaufen?“ findet sich die Svacha im Hause der Eltern der Zukünftigen ein und fängt ein regelrechtes Feilschen um den Kaufpreis an, der nicht allein in Geld, sondern auch in Pelzwerk, Stiefeln, Branntwein, Fleisch, Getreide und anderen Gegenständen besteht. Wenn man sich endlich auch über den Tag der Hochzeit geeinigt hat — die Vermittlerin spielt gleichzeitig die Rolle einer Wahrsagerin, die aus den Karten einen für die Ehe glückbringenden Tag herausliest — wird der Handel durch Handschlag und ein sich daran anschließendes Zechgelage festgemacht. Das Volk nennt dies „die Braut vertrinken“. Die Verlobung ([Abb. 399]) ist sodann eine recht feierliche Handlung, bei der der Bräutigam seiner Auserwählten neben Brot, Salz und Mandelkuchen noch einen mit Türkisen besetzten Ring überreicht. Dieses Unterpfand der versprochenen Ehe wird von der Braut und ihrer Familie in hohen Ehren gehalten und gleichsam als Erbstück aufbewahrt, darf aber nie wieder zu demselben Zweck benutzt werden.

Schon acht Tage nach der Verlobung (hierzu die farbige [Kunstbeilage] sowie [Abb. 422]) findet die Hochzeit ([Abb. 412], [417] und [418]) statt, die, obwohl die Ehe eigentlich eine rein geschäftliche Sache ist, doch sehr festlich begangen wird und große Kosten verursacht, denn die Eltern halten darauf, daß die Tochter bei der Trauung möglichst kostbare Gewänder trage; diese selbst pflegt außerdem meistens noch der Jungfrau Maria der Kirche, in deren Bezirk sie wohnt oder die Trauung stattfindet, ein neues, prächtig besticktes Gewand darzubringen. In Südrußland erhält der Pope von ihr ein paar schneeweiße Tauben als Geschenk. Die kurze Zeit bis zur Hochzeit muß die Braut damit zubringen, mehrmals am Tage ihr grausames Geschick, das sie aus dem Hause der Eltern entführt und zwingt, „einem fremden Fremdling aus der Fremde“ zu folgen, mit Tränen und wehmütigen Liedern zu beklagen; Freundinnen und Verwandte wachen dabei streng darüber, daß sie dies auch in gehöriger Weise tue. Am „Jungfernabend“, der etwa unserem Polterabend entspricht, finden sich die Freundinnen der Braut ein. Diese löst ihren Zopf auf, der das Abzeichen des unverheirateten Mädchens ist, und schmückt mit den Bändern und Blumen aus ihrem Haar eine ihrer Freundinnen, meistens ihre jüngere Schwester, worauf diese sie ins Bad begleiten. Nach dem Bade setzen die Freundinnen ihren ganzen Stolz darein, der Braut das Haar wieder recht schön in Ordnung zu bringen und sie aufs beste herauszuputzen, wobei sie Lieder von der Liebe und dem Eheglück singen.

Phot. Underwood & Underwood.

Abb. 419. Eine russische Troika.

Von den drei Pferden, die vorgespannt sind, wird das in der Mitte an zwei, die an der Seite an je einem Zügel gelenkt. Das Mittelpferd läuft im Trab, die Seitenpferde im Galopp.

Am Hochzeitstage erwartet die Braut verhüllten Hauptes unter Absingung von Klageliedern ihren Zukünftigen. Wenn sich der Zug des Bräutigams nähert, öffnet der Brautvater die bis dahin verrammelte Tür. Ehe man aber die Gäste hereinläßt, spielen sich noch lustige Gespräche zwischen ihnen und dem Druzka (dem „Freundchen“) ab, einer Art Witzbold, der auf keiner Hochzeit fehlen darf; namentlich gibt dieser Rätsel zum Raten auf, die unter dem russischen Volke sehr beliebt sind. Der Bräutigam und der Brautvater müssen darauf ihren Platz neben der Braut sich durch Geldstücke erkaufen. Dann erst findet die Bewirtung der Gäste statt, bei der die Braut den „fremden Fremdling aus der Fremde“ noch einmal fragt, wie er heiße und woher er stamme. Ehe man sich zur Kirche begibt, wirft sich die Braut noch vor ihren Eltern auf die Knie, bittet sie um Verzeihung für alle ihnen bereitete Sorge und küßt sie sowie die Heiligenbilder. Sie bleibt noch immer verschleiert, bis ihr in der Kirche bei der Trauung, einer langatmigen, aber sehr anziehenden Zeremonie, bei der unter anderem wieder die Heiligenbilder geküßt werden, die Brautleute dreimal um den Altar herumgehen und so fort, der Schleier endlich abgenommen wird. Gleichzeitig spielt sich hier auch die Haubung ab, das heißt der lange Zopf wird in zwei kleinere geflochten und der Neuvermählten das Abzeichen der verheirateten Frau angelegt. Darauf begibt sich der Hochzeitszug, meistens zu Pferde, nach dem Hause des jungen Ehemanns. Hier wird das junge Paar von den Eltern mit Salz und Brot empfangen, womit der Wunsch angedeutet werden soll, daß es in dem neuen Haushalt nie an dem Nötigsten zum Leben fehlen möge. — Bei den Weißrussen müssen beide Eheleute nach der Rückkehr aus der Kirche, wie schon vorher beim Verlassen des elterlichen Hauses, über einen brennenden Scheiterhaufen reiten oder fahren, in den sie einige kleine Münzen werfen; offenbar soll damit ein Reinigungsopfer angedeutet werden und zugleich eine Abwehrmaßnahme gegen böse Geister, die dem jungen Paare etwa folgen könnten. — In Bosnien macht die junge Frau im neuen Heim drei feierliche Verbeugungen vor der Türschwelle, küßt diese und opfert einige Silbermünzen; die Schwelle wird, wie schon oben erwähnt, als der Sitz der Ahnen aufgefaßt. — Vielfach fährt die Hochzeitsgesellschaft in flottem Trabe von der Kirche heim; das für Rußland bezeichnende Fahrzeug ist das Dreigespann, die Troika ([Abb. 419]).