Phot. C. Chusseau-Flaviens.

Abb. 420. Serben bei der Hora, einem ihrer Nationaltänze.

Männer und Frauen sind in Landestracht; die verheirateten Frauen tragen einen Nackenschleier.

Bei dem nun stattfindenden Gastmahl geht es hoch her, und besonders wird dem Wodka gut zugesprochen. Die Eheleute werden gegen Abend von der Svacha und den Brautführern ins Hochzeitsgemach geleitet, wo die Frau dem Manne feierlich die Schuhe auszieht. Die Gäste feiern indessen mit Essen und Trinken weiter und fahren darin am nächsten Tage an dem „Fürstentisch“ fort, dem Gastmahl, das die Neuvermählten ihnen geben. Bei dieser Gelegenheit findet unter den Verwandten ein allgemeines Abküssen statt. In einzelnen Teilen des Reiches ist es Sitte, daß man bei der Hochzeit alle Türen, Fenster und selbst den Schornstein geschlossen hält, um den bösen Geistern den Zutritt zu verwehren.

Phot. Nevin O. Winter.

Abb. 421. Szene vom russischen Erntefest.

Der Gutsherr verteilt an die Dorfmädchen Dornenkronen.

Neben dieser legitimen Erwerbung der Braut kennt das Landvolk in Rußland noch die Raubehe. Haben sich die beiden Liebenden zur Flucht verabredet und den Popen durch Geld bestochen, daß er sie traue, so wählen sie eine dunkle Nacht zu ihrem Vorhaben aus; möglichst schnell suchen sie die nächste Kirche zu erreichen, wo dann die Trauung stattfindet, die nach dem Gesetz unanfechtbar ist. Für gewöhnlich glückt ihnen dies, worauf am nächsten Morgen die Neuvermählten ihre Eltern aufsuchen, um sich vor ihnen auf den Boden zu werfen und ihre Verzeihung zu erbitten. Diese bestrafen die beiden Ungehorsamen zunächst wohl durch Bearbeitung mit Peitsche und Ofengabel für ihr Vergehen, lassen sich dann aber doch versöhnlich stimmen und bewirten schließlich das junge Paar. Sollte aber die Sache ruchbar werden, bevor die Fliehenden das nächste Kirchdorf erreicht haben, dann machen sich der Vater der Braut und ihre übrigen Angehörigen auf die Verfolgung; holt man die Flüchtigen ein, dann versucht man die Braut „herauszuhauen“, wobei es selten ohne Blutvergießen abgeht.