Die Religion der Lappen ist das Christentum, für die skandinavischen das der lutherischen, für die russischen das der griechischen Kirche. Die kirchlichen Hauptfeste werden ebenso wie bei uns zu Ostern und im Dezember gefeiert; zu Ostern finden auch die meisten Einsegnungen und die meisten Hochzeiten statt. Oft werden drei bis vier Paare zu gleicher Zeit getraut. Als die Lappen noch Heiden waren, durfte in keinem ihrer Stämme ein Zauberpriester fehlen, ein sogenannter Noide, der sich mit Hilfe einer besonderen Trommel mit den unsichtbaren Mächten, den Göttern und den Geistern der Verstorbenen, in Verbindung setzen konnte. Nicht ein jeder vermochte Noide zu werden; man mußte dazu auserlesen sein, bereits mit einem Zahn im Munde zur Welt gekommen sein und sich durch Hunger, Einnehmen von Kräutersäften und dergleichen Maßnahmen, die das Nervensystem stark aufregten und reizten, vorbereitet haben, schließlich durch einen erfahrenen alten Noiden zuvor in die Geheimnisse eingeführt werden. Die Zaubertrommel, die eine große Rolle spielte, war von verschiedener Größe, aber stets von länglichrunder Form. Sie war aus einem Baumstamm durch Aushöhlen hergestellt und mit einem Renntierkalbfell überspannt; auf dieses waren mit rotem Saft aus Ebereschenrinde Zeichen und Bilder gemalt. Außerdem gehörte zu einer solchen Zaubertrommel noch ein Zeiger oder Weiser und ein Hammer, der in Form eines T aus Renntierknochen angefertigt war. Die Trommel diente in erster Linie zum Wahrsagen. Der Zeiger wurde unter Verbeugungen und dem Hersagen von Sprüchen auf das Bild der Sonne in der Mitte des Trommelfells gelegt und dadurch in Bewegung gesetzt, daß in seiner Nähe anfangs leise, dann stärker mit dem Hammer aufgeschlagen wurde. Machte der Zeiger bei einer Figur halt, dann war die Zeremonie, die von dem Zauberer und den Umhersitzenden mit dem eintönigen Absingen von Liedern zu Ehren der Gottheit, an die man ein Anliegen hatte, begleitet wurde, beendet und die Kundgebung geschehen. Das betreffende Bild zeigte dann an, was für ein Tier geopfert werden sollte, ferner welcher Gottheit und an welcher Stelle, ob ein Krankheitsfall tödlich verlaufen werde oder nicht und so fort. Die Trommel wurde auch, obwohl seltener, geschlagen, wenn der Zauberpriester einen Zustand von Verzückung herbeiführen wollte, um sich in ferne Gegenden zu versetzen. Er verfiel dabei infolge seiner hochgradigen nervösen Reizbarkeit in eine Art Dämmerzustand und berichtete nach seinem Erwachen, welche Orte er auf seiner Wanderung in die Ferne aufgesucht und was er dort gesehen habe. Es bedarf wohl keines weiteren Nachweises, daß der Zauberpriester der Lappen mit seiner Trommel an den Schamanen der nordsibirischen Völker erinnert, und es ist wohl anzunehmen, daß die Lappen diese Gebräuche von dorther mitgebracht haben.
Die kleinen Kinder der Lappen werden in eine Art Lederfutteral ([Abb. 450]) eingewickelt, aus dem sie nur gerade mit dem Gesicht herauslugen; sie sehen dann eingewickelten Mumien nicht unähnlich. Diese Futterale werden gleichzeitig als Wiegen benutzt, die man zwischen zwei Birkenstämmen aufhängt und schaukelt.
Bevor der Lappe eine Ehe eingeht, erkundigt er sich ganz genau nach der Höhe der Mitgift seiner Zukünftigen, da er in diesen Dingen sehr nüchtern denkt. Bei der Hochzeit sind Braut und Bräutigam in der Regel mit roten Gewändern, roten seidenen Schärpen, weißen Schuhen, Pelzgamaschen sowie roten Handschuhen angetan. Die Hauptsache bei der Hochzeit ([Abbildung 449]) ist das Essen, das in gekochtem Fleisch besteht. Aus einer gemeinsamen Schüssel nimmt sich jeder der Gäste ein großes Stück heraus, zerschneidet es mit seinem Messer, das er ständig im Gürtel bei sich trägt, in kleinere Stücke und schlingt diese hinunter.
Die Beerdigungen finden für gewöhnlich um Ostern statt, wenn die Erde aufgetaut ist. Den Winter über werden die in Särge gelegten Leichen in einem kleinen Turm in der Nähe der Kirche aufbewahrt ([Abb. 452]). Das Wehklagen und Geheul, das Männer und Frauen über den Verlust des Toten anstimmen, hat große Ähnlichkeit mit Hundegeheul.
Phot. Borg Mesch.
Abb. 450. Junge Lappenfrau mit ihren Kindern,
deren jüngstes sie samt seiner Wiege auf dem Arm hält.
Die Finnen. Dieser Stamm hatte seinen ursprünglichen Sitz in Sibirien, von wo er bereits in weit zurückliegenden Zeiten nach Osteuropa auswanderte. Die nächsten Verwandten der Finnen in unserem Erdteil sind die Ungarn und Türken; sie bilden mit diesen beiden Völkern die finnisch-ugrische Völkergruppe. Zu den Finnen zählen die Esten, Liven und Suomi oder Finnen im engeren Sinne mit verschiedenen Unterstämmen, zum Beispiel den Kareliern; diese alle faßt man als Westfinnen (am Baltischen Meere) zusammen. Ferner gehören zu den Finnen die Tschuwaschen, Mordwinen, Wotjäken, Permier und Wogulen in der Gegend des Urals (Ostfinnen). Infolge der anhaltenden Kreuzung mit mongolischen und vor allem nordeuropäischen Rassenbestandteilen, die in Rußland teils schon vorhanden waren, als die Finnen einwanderten, teils deren Weg kreuzten, hat ihr Äußeres mancherlei Züge von diesen Völkern angenommen, so daß von einem eigentlichen finnischen Typus nicht die Rede sein kann ([Abb. 451]). Bemerkenswert ist unter den Finnen die große Zahl von blonden Leuten — unter den Permiern zum Beispiel gibt es sechsundfünfzig Prozent Blonde und ebenso auffallend viel Blauäugige —, die sicherlich auf Mischung mit Nordländern (Germanen) beruht.