Phot. J. K. Inha.
Abb. 451. Finnenmädchen beim Urahspiel,
einer Art Würfelspiel, das als harmloser Zeitvertreib namentlich bei der weiblichen Jugend sehr beliebt ist.
Schon im Mittelalter wurden die Finnen zum Christentum bekehrt. Doch hat diese Lehre trotz der langen seitdem verflossenen Zeit nicht vermocht, den alten heidnischen Glauben vollständig zu verdrängen ([Abb. 458] und [473]), denn neben dem christlichen Gott beten verschiedene finnische Stämme immer noch zu den Göttern der Vorfahren, vor allem dem Sonnengott und den Seelen der Ahnen. Auch die abergläubische Scheu vor meist bösen Geistern, die die Luft und die Erdoberfläche bevölkern und den Menschen übel gesinnt sind, spukt im Volke noch viel herum. In jedem Hause gibt es auch einen Schutzgeist, der mit dem Ehrentitel „Nachbar“ oder „Brüderchen“ belegt wird. Sobald bei den Permiern ein neues Wohnhaus errichtet worden ist, nimmt der Hausherr aus dem Heiligenschrein ein Heiligenbild, stellt sich damit vor den Verschlag neben den Ofen und ruft dem Schutzgeist zu: „Nachbar, Brüderchen, komm mit uns ins neue Heim; wir wollen im neuen Hause so gut leben, wie wir im alten gelebt haben; liebe meine Familie und mein Vieh!“ Darauf begibt sich alles ins neuerbaute Haus; der Hausherr läßt zuvor einen Hahn hinein und wartet ab, bis dieser gekräht hat. Das Heiligenbild wandert nun wieder in den Schrank zurück und der „Nachbar“ wird aufgefordert, im Verschlag neben dem Ofen seinen neuen Wohnsitz einzunehmen. — Auch Zauberpriester kennen die Permier noch, die zwischen den Geistern und den Menschen vermitteln sollen.
Phot. F. Hedges Butler.
Abb. 452. Kirche und Totenhaus in Jukasjarvi.
Bei den Lappen finden die Beerdigungen zu Ostern statt, da die fest gefrorene Erde vorher das Ausgraben nicht gestattet. Bis dahin werden die Särge in einem eigens hierfür bestimmten Hause neben der Kirche aufbewahrt.
Die Hochzeitsgebräuche bei den finnischen Stämmen sind ziemlich verwickelt. Teilweise kommt noch Raubehe bei ihnen vor, wobei es nicht selten zwischen den Anhängern des Bräutigams und seinen Gegnern zu einem ernsten Handgemenge kommt. Gewöhnlich werden die Ehen durch einen Vermittler oder Brautwerber eingefädelt. Nachdem auf solche Weise der Boden vorbereitet worden ist, erscheint bei den Mordwinen der Vater des Bräutigams im Hause der Braut, wird hier auf den Ehrenplatz unter den Heiligenbildern geführt und beginnt die Verhandlungen über den Brautpreis, die Aussteuer, die Ausrichtung der Hochzeit und ähnliche Fragen. Sind beide Parteien einig geworden, dann wird ein brennendes Licht auf den Tisch gestellt und alles betet zu Gott um Schutz und Beistand; daneben ruft man aber auch die Hilfe der heidnischen Gottheiten und der verstorbenen Ahnen an und spendet ihnen Salz und Brot, indem man diese Gaben an der Schwelle, wo man sich ihren Aufenthalt denkt, niederlegt. Diese Zeremonie nennt man „das Gebet der Hochzeitskneiperei“. Darauf folgt das sogenannte „Vertrinken“. Vater und Mutter des Bräutigams begeben sich in das Haus der Brauteltern und fragen noch einmal feierlich an, ob diese geneigt seien, ihrem Sohne die Tochter zur Frau zu geben. Erklären sie ihr Einverständnis, dann stellen die Angehörigen des Bräutigams den mitgebrachten Branntwein und die Speisen, unter denen gesalzene Brassen als Zeichen der Fruchtbarkeit und Kuchen als Sinnbild des Sonnengottes nicht fehlen dürfen, vor den Brautvater auf den Tisch und nehmen an diesem Platz; darauf beginnt ein meist wüstes Trinkgelage. Bei dieser Gelegenheit wird die Braut zum ersten Male ihrem Zukünftigen gezeigt, auch noch um ihre Einwilligung gefragt und gleichfalls mit Branntwein bewirtet. Von diesem Tage an hat der Bräutigam das Recht, jede Nacht bei ihr zuzubringen. Verlust der Jungfernschaft gilt bei den Mordwinen keineswegs als Schande, im Gegenteil ein vor der Ehe erzeugtes Kind wird begrüßt als Anzeichen dafür, daß die zukünftige Gattin fruchtbar sein wird. Vor der Hochzeit findet eine Art Polterabend statt. Dabei schreit, heult und jammert die Braut ohne Unterlaß und bittet ihre Freundinnen, sie lieber in die dunkle Erde einzubetten, als unter die fremden Leute zu bringen. Diese singen inzwischen lustige Lieder, in denen sie die Braut verherrlichen, den Bräutigam aber auf alle erdenkliche Art verspotten; auch uralte nationale Heldengesänge, darunter die Kalewala, werden bei dieser und bei anderen festlichen Gelegenheiten vielfach noch gesungen ([Abb. 454]). Am Abend erscheint der Schwiegervater mit einer bedeutenden Menge Honigbier und bewirtet die Braut samt ihren Eltern. Am Hochzeitstage versammeln sich die Freunde des Bräutigams vor seinem Hause. Sein Vater zündet Lichter vor den Heiligenbildern an und setzt ein besonders großes an der Schwelle nieder. Darauf betet er zu den Heiligen und legt neben die Schwelle an die Seite des großen Lichtes ein Stück Brot, wobei er auch den Sonnengott um Beistand anfleht. Der Sohn begibt sich nun in das Haus seiner Braut. Wenn man ihn kommen sieht, schließt man eilig die Haustür zu, worauf sich zwischen den beiden Parteien ein Gespräch über die Person, die Einlaß begehrt, und den Zweck ihres Besuches entspinnt. Da dem Bräutigam und seinen Freunden das gewaltsame Öffnen der Tür nicht gelingt, so erkaufen sie sich den Eintritt endlich mit einigen Münzen. Nach einer kurzen Unterhaltung erscheint die Braut, fällt ihren Eltern zu Füßen und erbittet deren Segen. Der Vater entspricht der Bitte unter Anrufung heidnischer Gottheiten, denen er von einem Laibe Brot opfert, demselben, den schon vorher der Vater des Bräutigams gebraucht hatte, um den Sohn zu segnen. Hierauf hebt ein männlicher Verwandter der Braut diese auf die Arme und trägt sie in den Wagen. Das Mädchen stellt sich dabei sehr störrisch, kneift, kratzt, schreit und sucht sich beim Verlassen des Hauses sogar noch an der Tür festzuhalten. Noch auf dem Wege zur Kirche versucht die Braut zu entwischen: sie steigt vom Wagen, wirft sich vor die Füße der Pferde und bittet diese, sie nicht zu fremden Menschen zu fahren, putzt die Tiere auch mit Bändern aus und verspricht ihnen, dies immer zu tun, wenn sie ihr den Gefallen tun wollten, sie wieder nach Hause zu fahren. Da dies nichts hilft, sucht sie fortzulaufen, wird aber von den Freunden ihres Verlobten eingefangen.