Bereits in der Vorzeit scheinen hamitische beziehungsweise berberische Stämme in den Sudan vorgedrungen zu sein; in der geschichtlichen Zeit waren es vor allem zwei große Völkerstämme, die von Einfluß waren: die Haussa und die Fulbe. Die ersteren begründeten im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert unserer Zeitrechnung mächtige Staaten, die letzteren ein Jahrhundert später ebenfalls ein starkes Reich, aber beider Schöpfungen sind längst untergegangen, seitdem die Europäer von diesen Gebieten Besitz ergriffen haben.
Diese verschiedenen Einwanderungen fremder Elemente in die von den Sudannegern ursprünglich bewohnten Gebiete haben der Bevölkerung ihren Stempel natürlich auch in anthropologischer Hinsicht aufgedrückt; durchweg ist ein hamitischer Einschlag nicht wegzuleugnen, bei dem einen Volke tritt er mehr, bei dem anderen weniger in die Erscheinung. Am meisten verraten das hamitische Blut die Neger des Ostsudans. Im besonderen zeichnen sich diese Stämme vor den Schwarzen des Zentralsudans durch ihre große, schlanke Gestalt, hageren, aber dabei doch muskulösen Körperbau, sehr dunkle, tiefbraune, bis ins Schwärzliche gehende Haut, mehr gekräuseltes als wolliges Kopfhaar aus. Eine ihnen eigentümliche Erscheinung ist ihre seltsame Körperhaltung, die als Anpassung an ihre Umgebung zu erklären ist. Diese langbeinigen Gestalten pflegen nämlich stundenlang auf einem Beine zu verharren, wobei das andere im Winkel gegen das Standbein gebogen gehalten wird, so daß die Fußsohle das Knie desselben berührt ([Abb. 84]). Diese Stellung erinnert an die der Sumpfvögel, weswegen man diese Stämme auch als Sumpfneger bezeichnet hat.
Aus „Die Hamburger Woche“.
Abb. 84. Äthiopier in der für sie bezeichnenden Ruhestellung.
Sie stehen dabei auf einem Bein und halten das andere im Winkel gebogen dagegen.
Die Bekleidung der Niloten ist durchweg eine recht bescheidene. Unter den Männern bildet Nacktheit die Regel, die Frauen behängen sich ihre Hüften meistens mit einem gegerbten Fell oder auch mit einem Blätterbüschel. Bei verschiedenen Stämmen sind als Kleidungstück Tierschwänze beliebt, die man vom Hüftband über das Gesäß herabhängen läßt. Auch künstliche Anhängsel bindet man sich um, die an Pferdeschwänze erinnern, aus feinen Bindfäden hergestellt und mit Ocker rot gefärbt sind. Manchmal haben diese Schwänze eine solche Länge, daß sie hinterherschleifen. — Als Schmuck werden Ringe um die Arme und Beine ([Abb. 85]) sowie in den Ohren und Lippen getragen, um den Hals Ketten aus Muscheln, Nashornzähnen und anderem mehr. Manchmal sind die Beinringe von einem solchen Gewicht, daß die Leute sich kaum fortbewegen können. Die Armringe laufen bei einigen Stämmen in scharfe Stacheln aus und werben daher gleichzeitig als Waffe (Schlagring) benutzt. Ohrschmuck wird auch getragen, doch werden die Ohrläppchen niemals durch Hineinzwängen größerer Gegenstände verlängert. Dagegen kommen wohl Vergrößerungen der Lippen durch Holzscheiben ([Abb. 86]) vor. Auch finden wir verschiedentlich Durchbohrungen der Nasenscheidewand und Hineinstecken von kleinen Stäbchen, namentlich Quarzstiften.
Phot. F. Spire.
Abb. 85. Ein Krieger der Acholi,