Phot. F. Spire.

Abb. 92. Ein Wachtturm der Latuka,

von dem aus sie weit ins Land hinein Umschau halten.

Phot. Jennings Bramley.

Abb. 93. Ein Latukamann

mit Narbenverzierung (Keloidbildung) auf dem Rücken.

Die Schilluk dagegen stehen unter einem König. Er, seine Kinder, Enkelkinder und Urenkel stellen die Aristokratie dar; über vier Menschenalter hinaus wird königliche Abstammung nicht anerkannt. Für den König sorgt man in jeder Weise und behandelt ihn mit größter Hochachtung. Früher durfte er nicht einmal in den Krieg ziehen, und auch jetzt noch bewegt er sich nie ohne eine Leibgarde von etwa zwölf bis zwanzig Mann, die gut bewaffnet und jederzeit bereit sind, seinem leisesten Wunsch zu gehorchen. Sein Wort ist Gesetz, und die Geldstrafen, die er verhängt, werden aus guten Gründen schleunigst bezahlt. Zeugnis für den großen Einfluß, den er auf sein Volk ausübt, legt die Tatsache ab, daß der stattliche Hügel, auf dem sein Wohnhaus ([Abb. 100]) steht, trotz der den Schilluk angeborenen Trägheit mit größter Eile und ohne Widerspruch aufgeführt wurde. — Sobald sich an den Königen Spuren schlechter Gesundheit oder hohes Alter bemerkbar machen, fürchtet man, daß dadurch Unglück, wie Mißlingen der Ernte, allgemeine Krankheit, Schwäche des Viehs, über das Volk hereinbrechen könnte. Denn je älter und gebrechlicher ein König wird, um so mehr büßt auch der Geist seines Ahnen an Rüstigkeit ein, und man fürchtet, daß hieraus allgemeines Unglück entstehen könne. Daher tötet man den König, bevor er zu alt wird; sein Geist kann dann sofort auf eine andere, jüngere Persönlichkeit übergehen. Zu diesem Zwecke wurde in früheren Zeiten der König in eine besonders dazu hergerichtete Hütte gebracht, mit ihm eine heiratsfähige Jungfrau (man sagt eine der Töchter seines Bruders), auf deren Schoß er sein Haupt legte; darauf wurde der Eingang zur Hütte fest verschlossen und das Paar dem Hunger und Durst preisgegeben. Einige Monate später öffnete man die Hütte wieder, sammelte die Überreste der beiden in einem Fell und begrub sie in einem besonderen Grabe. Über diesem erstand eine neue Hütte, und diese wurde zu einem Götterschrein. Dieser Brauch soll vor ungefähr fünf Menschenaltern abgekommen sein, wie man sagt wegen der Qualen, die ein König erdulden mußte; dieser, der seine Gefährtin um ein paar Tage überlebte, gab der draußen versammelten Menge den Auftrag, sie dürften unter keinen Umständen seinen Nachfolger auf diese qualvolle Weise so langsam sterben lassen. Eine öffentliche Verkündigung vom Tode eines Königs scheint nicht stattgefunden zu haben; man ließ die Kunde davon ganz allmählich sich verbreiten. Während der so entstehenden Übergangszeit entschieden die mächtigsten Häuptlinge alle kleineren Angelegenheiten, während sie die wichtigeren dem neuen König vorbehielten, der von den Häuptlingen gewählt wurde. — Die Königswahl ist von zahlreichen Förmlichkeiten begleitet. Der neue König wird zunächst in ein Dorf in der Nähe der Hauptstadt Faschoda geleitet, während sich andere Häuptlinge an die nördlichen Grenzen des Reiches begeben und den Priestern eines Schreines im Akurwadorfe mitteilen, sie möchten den heiligen vierbeinigen Schemel und den Nyakang, ein roh geformtes Bildnis des Ahnherrn der Könige, haben. Wenn der Nyakang die Wahl des neuen Fürsten nicht billigt, dann wird nach dem Glauben der Schilluk sein Bildnis so schwer, daß man es nicht von dem Schrein wegnehmen kann. Ist er aber damit einverstanden, dann ziehen die Leute mit dem Schemel und dem Bildnis ab. Sobald sie bei ihrer Rückkehr mit dem neuen König und seinem Gefolge zusammentreffen, entspinnt sich ein Scheinkampf, der für jene stets glücklich abläuft. Darauf begleiten sie den König nach Faschoda. Hier wird der heilige Gegenstand, der Nyakang, in den dortigen Schrein getragen, bald darauf aber wieder herausgebracht und auf dem heiligen Schemel vor dem Eingange niedergesetzt. Der neuerwählte König hält ein Bein des Nyakang, ein vornehmer Häuptling das andere. Ein Ochse wird geschlachtet, doch genießen nur ein paar Auserwählte von seinem Fleisch. Der Nyakang wird schließlich wieder in den Schrein zurückgebracht, der König hochgehoben und auf den Schemel gesetzt; hier bleibt er eine Zeitlang sitzen, manchmal bis Sonnenuntergang, worauf man ihn zu drei neuen, für ihn besonders erbauten Hütten führt. Hier muß er drei Tage lang verharren, erst dann geleitet man ihn in aller Ruhe zu seinem königlichen Wohnort in Faschoda. Nachdem noch einmal ein Ochse getötet und verspeist worden ist, darf der König endlich zum ersten Male öffentlich erscheinen. Die drei neuen Hütten werden zerstört und ihre Bestandteile in den Fluß geworfen.

Die Bari sind in Gruppen eingeteilt, jede von ihnen besitzt einen Häuptling, der als das Oberhaupt in gemeinsamen Angelegenheiten anerkannt wird. Er ist gleichzeitig auch Regenmacher und erfreut sich großen Ansehens, solange ihm der Glaube entgegengebracht wird, daß er imstande sei, den Regen zur rechten Zeit herbeizuführen. Gelingt ihm dies aber nicht, so besteht oder bestand wenigstens früher für ihn die Möglichkeit, daß er umgebracht wurde. Die Regenmacher legen ihre Dörfer stets auf den Abhängen von ziemlich hohen Hügeln an, damit sie den Regen leichter anziehen können, denn erfahrungsgemäß schlägt sich die Feuchtigkeit aus den Wolken am ersten auf Bergen nieder. Zu Anfang dieses Jahrhunderts stand im Ruf eines Hauptregenmachers ein gewisser Ledju; ihm wurden auch noch andere Fähigkeiten zugesprochen: so glaubte man von ihm, er könne veranlassen, daß Frauen reichen Kindersegen bekämen, sobald er ein kurzes Spiel mit einem kleinen Eisenstab über ihnen vollzog. Diesen Stab bewegte er unter Zaubergemurmel über ihren Köpfen, wobei die Steine in den Kugeln an seinem Ende klapperten.