»Seine Sehnsucht sieht durch die Scheiben«, dachte sie. – – – –


Nachdem Otto Ehlers fort war, wurde der Verwalter ein häufiger Gast in der Villa Waldfried. Erst kam er immer nur in Begleitung des alten Lehrers zu den Abendstunden, und der Oberförster, der ein eifriger Skatspieler war, freute sich über den dritten Mann. Dann kam er auch allein, und auch des Tages, und Brigitte Winterfeld ging ihm nicht mehr aus dem Wege. Sie gewöhnte sich allmählich an ihn und auch an seine Augen, trotzdem die nicht zarter wurden. Seitdem sie mit ihrem Jugendfreund so gut wie verlobt war, fühlte sie sich zu sicher, wenn ihr auch das Blut von Monat zu Monat heisser und schwerer durch die Adern rollte.

So sahen sie sich beinahe jeden Tag. Und mehr und mehr musste sich das Mädchen gestehen, dass ihm doch nicht jede Schönheit fehlte. Es war kein einziger feinerer Zug in seinem Gesicht, aber es war massig, braun und kräftig, wie aus alter Eiche geschnitten, und der kleine Schnurrbart über den dicken, vollen Lippen stand ihm gut. Seine Zähne waren blank und breit wie die eines Raubtiers, und alle Dorfmädchen sahen ihm begehrlich nach, wenn er, die Hände lässig auf den prallen Schenkeln, über die Felder ritt.

So war Sommer, Herbst und Winter vergangen. Und der neue Sommer brachte ein freudiges Ereignis in das Pfarrhaus. Zum dritten Mal war der Storch dort eingekehrt, und da es ein Bube war, liess der Pfarrer, der ein lebensfreudiger Herr war, etwas draufgehen am Tauftage.

Auch der alte Oberförster und Brigitte waren unter den Gästen. Erst hatte sie in der Küche mitgeholfen, dann musste sie auch zu Tisch und bekam ihren Platz neben dem Gutsverwalter.

Es wurden schwere Getränke aufgetragen, und immer von neuem wurde Brigittes Glas durch ihren Tischherrn gefüllt.

»Es wäre doch schade, wenn das schönste Mädchen im Kreis bei solcher Fülle verdursten sollte,« sagte er leise. »Und dass Sie die Schönste sind, wissen Sie wohl selber!« –

Dabei sah er sie mit seinen brennenden Blicken an, dass es ihr heiss und kalt über den Rücken lief.

Sie war den Wein nicht gewohnt. Ihr schon von Natur aus heisses und leidenschaftliches Blut erregte sich mehr und mehr, und plötzlich gingen ihre Gedanken auf Wegen, die sie früher nie beschritten hatten. Ihr ganzes Gesicht glühte. Sie lehnte sich hintüber und liess die Wimpern halb herniedergleiten. Sie fühlte seine Augen, die wie heisse Hände über ihren Körper strichen. Aber sie rührte sich nicht. –