Die Abendluft strömte herein. Und mit der kühlen, klaren Luft kam ein grosser, dunkler Falter in das Zimmer geflogen. Ein Kind der Nacht, das lichtverführt sich schon lange an die Gläser gedrängt hatte.
Lautlos, mit schwerer Flugbewegung, kreiste er um Brigitte Winterfelds heisse, glühende Stirne.
Dann wandte er sich dem Lichte zu.
Brigitte Winterfeld wurde totenbleich. Mit weitaufgerissenen, entsetzten Augen starrte sie ihm nach.
Nach einer Minute stiess sie einen dumpfen Wehlaut aus. Ihr Kopf schlug schwer auf die eichene Tischplatte, auf der mit verkohlten Flügeln, den weichen Leib verbrannt, zuckend vor Schmerz, der Falter lag. –
Ein Kind der See.
Er war ein Antwerpener.
Sein Vater, dessen Glieder die Gicht gekrümmt hatte, verzehrte sich vor Sehnsucht nach dem offenen Meer, das er Jahrzehnte lang befahren hatte. Als kleiner Hafenbeamter wohnte er dicht am Wasser, und über die Wiege seines Kindes flogen die herben, salzigen Seewinde. In die Schlummerliedchen, die ihm die Mutter sang, schrillten die Dampfpfeifen, und wenn er des Nachts sein heisses Köpfchen aus den Kissen hob und durch das Fenster sah, glotzten ihn aus der Ferne böse, rotglühende Augen an. Er fürchtete sich aber nicht lange vor ihnen, denn ehe er noch sprechen konnte, wusste er schon, dass sie kein Spuk, sondern nur die Laternen mächtiger, dunkler Schiffskolosse waren, die sich schwerfällig durch den Kanal dem geräumigen Hafen zu bewegten.
Kaum, dass er die Kinderschuhe ausgetreten hatte, ging auch er zur See. Als Leichtmatrose fuhr er auf einem Kauffahrteischiff.