›Nun, was sagen Sie denn dazu?‹
Ich wusste eigentlich gar nichts darauf zu sagen. Es schien mir unschicklich, in Gegenwart eines jungen Mädchens von ihrem künftigen Manne zu reden, und so wurde ich beinahe so rot wie sie. Nach einigen Minuten des Stillschweigens fühlte ich aber doch die Verpflichtung, etwas zu erwidern, und so antwortete ich denn so vorsichtig wie möglich: ›Wenn er ein ehrenhafter Mann ist, wäre es das Schlimmste noch lange nicht. Man kann auch in einem Schulhause glücklich werden, Fräulein Böske!‹
Da blickte sie wieder auf, aber diesmal gerade mir in das Angesicht. Ihre Wangen wurden ganz bleich. Die grossen, braunen Augen hefteten sich wohl eine Minute lang auf mich. Dann rollten langsam zwei Thränen daraus, und sie beugte sich wieder über die Häkelei. Sie sagte keine Silbe, aber nach diesem Blicke war es mir plötzlich, als ob ich eine Todsünde begangen hätte.
Bald darauf stand sie auf und ging in die Küche. Ich hörte sie dort mit dem Geschirr herumhantieren. Heute weiss ich, dass sie damals mehr geweint als gewirtschaftet hat. Damals fühlte ich das nur, und sobald es thunlich war, verabschiedete ich mich und nahm in meine Stube ganz seltsame und unerklärliche Empfindungen mit.
Ich hatte sie bis dahin immer ›Fräulein Böske‹ angeredet, was, wie Sie wissen, eine Koseform von Erszibet ist, weil ich es nie anders gehört hatte. Das ganze Dorf nannte sie so. Am nächsten Tage aber redete ich sie mit ihrem Vatersnamen an. Ich kann es heute eben so wenig sagen wie damals, warum ich es that, aber ich weiss noch, dass es mich schmerzte, dass sie so gar kein Zeichen des Erstaunens darüber sehen liess. Sie war gleichmässig freundlich wie immer; es schien mir aber oft, auch wenn sie mitten in der Mittagssonne stand, dass ein Schatten auf ihrem Gesichte läge. Seit diesem Abende ging es mir überhaupt ganz seltsam mit ihr.
Ich ertappte mich dabei, dass ich in der vorgefassten Absicht, auf ihre heimlichen Blicke acht zu geben, in das Speisezimmer trat, und dass es mich ordentlich schmerzte, wenn sie hartnäckig alles andere eher ansah als mich. Wir hatten die Rollen ganz getauscht. Jetzt spähte ich so oft wie nur möglich zu ihr herüber und dabei passierte es mir, dass ich mit einem Male bemerkte, wie wunderschönes Haar sie doch hatte. Es war hellbraun, und wenn gerade ein volles Lampenlicht darauf schien, blitzten ihre Stirnlöckchen ganz goldig. An einem der folgenden Tage fing ich gar an, mich über ihren graziösen Gang zu freuen. Sie war etwas schwächlich, aber sehr zierlich gebaut, und beim Gehen stiess sie mitunter mit den Knieen an die Röcke, was mir immer sehr lieblich vorkam.
So ging es Tag für Tag. Jeden Tag entdeckte ich etwas Neues an ihr, und am Ende konnte ich auch meine Gedanken gar nicht mehr losreissen von so viel Schönheit.
Ich erinnere mich gut, wie ich einst an meinem Schreibtisch in die Höhe fuhr. Die Lampe war weit heruntergebrannt. Ich musste wohl stundenlang geträumt haben und ich weiss, dass ich in diesen Träumereien ihre leichtgeöffneten, roten Lippen ganz dicht vor mir gesehen und sie wieder und wieder geküsst hatte. Ich war darüber erschrocken und legte mich eilig zu Bett, bis zum Morgen beinahe in einer alten Postilla, gedruckt bei Hans Lufft, anno domini 1567, lesend, ehe mir der Schlaf kam.
Diese Postilla besitze ich noch heute. Ich habe mir noch oft daraus andere Gedanken angelesen und halte sie in hohen Ehren. Sie ist reich mit Holzschnitten verziert und trägt als Titelbild den gekreuzigten Heiland, zu dessen beiden Seiten Doktor Martinus Luther und der sächsische Kurfürst knien. Aber mir ist sie mehr wegen dieser Erinnerungen wert als wegen ihres Altertums.
Unter diesen Umständen konnte ich es mir nicht länger verhehlen, dass ich eine innige Liebe zu ihr hegte, und nach den gemachten Beobachtungen schien es mir auch, als ob dieselbe keineswegs einseitig wäre. Obwohl mich dieses letztere nun mit einem ganz merkwürdigen, schamhaften Stolz erfüllte, trug es doch nur dazu bei, meine Schüchternheit zu erhöhen, und wenn sie mir bei Tisch, wie es späterhin hier und da doch wieder der Fall war, einen freundlich schelmischen Blick zuwarf, wurde ich rot wie ein Schulbube und vermochte vor Verlegenheit keinen Bissen mehr hinunterzubringen. So lebten wir, gegenseitig unsere Liebe ahnend, monatelang nebeneinander her, ohne dass ich je den Mut gefunden hätte, ihr auch nur ein einziges vertrauteres Wörtchen zu sagen. Es wurde zum zweiten Male Herbst, als in einem weiter entfernteren Dorfe der Geistliche starb und ich mich, da ich ja nicht ewig Kaplan bleiben konnte, um die vakante Stellung bewarb.