Und ehe ich mich noch ganz aufrichten konnte, fühlte ich ihre Arme um meinen Nacken, und zweimal küsste sie mich auf den Mund. Beim ersten Kuss empfand ich nicht viel mehr als Schrecken und Staunen, wie Moses, als ihm der Herr im Dornbusch erschien. Beim zweiten aber wusste ich schon, dass mir damit eine Gnade zu teil würde, die nur einmal vorkommt im Leben, und ich liess das Laternchen schlafen. Wir fanden die Wege auch im Dunkeln.
Als wir endlich in das Zimmer zurückgingen, schleifte ich einen langen Stock Rohr hinter mir her, und mit solcher Begeisterung, wie wir damals Spitzen schnitten, hat es seitdem wohl kein dritter mehr gethan.
Die Gute! Sie wurde bald meine Frau. Als ihr Vater starb, kehrte ich als Pfarrer in diese Gemeinde zurück, und über zwanzig Jahre haben wir Lust und Leid miteinander geteilt … Nun wissen Sie, warum ich noch heute des Sonntags Cigaretten aus Rohrspitzen rauche. Es ist zu ihrem Gedächtnis, zum Gedächtnis an unseren ersten Liebestag. Dreissig Jahre habe ich es gehalten, und gedenke es auch weiter so zu halten, bis mich der Allmächtige – hier lüftete er demütig sein Käppchen – zu sich ruft und mich wieder mit ihr vereint.«
Während seiner letzten Worte hatte sich die Thüre geöffnet und ein junges, vielleicht neunzehnjähriges Mädchen war auf der Schwelle erschienen.
Über das Gesicht des Kaplans, der bisher nachsinnend vor sich hingesehen hatte, glitt ein schelmisches Lächeln.
»Die jungen Vögel bauen sich Nester, wenn ihre Zeit kommt, auch ohne dass sie von ihren Altvorderen gehört hätten, wie man das macht. Von heute ab werde ich auch aus Rohrspitzen rauchen, Herr Pastor, und gebe es Gott, dass es bei mir zu demselben Glücke führt, wie bei Ihnen!«
Und mit einem kräftigen Rucke brach er einer Regiecigarette das Mundstück ab, und aus der Brusttasche eine sorgfältig in Papier eingeschlagene Rohrspitze hervorholend, zündete er sie sich darin an.
»Wie meinen Sie das?« fragte der alte Herr zerstreut.
Er war in Erinnerungen verloren. Auch wenn es heller gewesen wäre, hätte er es kaum bemerkt, dass seine Tochter, die ihn zum Nachtmahl rufen wollte, beim Anblick dieser Rohrspitze ganz purpurrot geworden war und dann aus dem Schatten herüber dem jungen, blondbärtigen Kaplan vorsichtig mit dem Zeigefinger drohte …
Soeben ist im Verlag von Hermann Seemann Nachfolger zu Leipzig erschienen der neueste Roman von