Ich holte mir also geschwind mein kleines Laternchen, setzte mir eine Mütze auf und eilte ihr nach. Sie musste aber gleichfalls sehr schnell gegangen sein, denn als ich noch auf dem Wege war, hörte ich sie schon das Röhricht prüfend auseinander biegen und sah ihre helle Schürze zu mir herüber schimmern.
Als ich sie erreicht hatte, redete ich sie ein wenig erregt und mit sanftem Vorwurfe auf dieses Wagnis hin an, das für mich doch allzuviel der Freundschaft wäre und bei dem sie leicht hätte zu Schaden kommen können.
»O, ich kenne die Wege,« erwiderte sie mir. »Überdies werde ich ja nicht mehr lange Gelegenheit haben, Ihnen nützen zu können. Lassen Sie es sich für dieses Mal also nur ruhig gefallen!«
Diese Worte schnitten mir tief in das Herz. Als ich dann in dem Bestreben, ihr zu leuchten, mit meiner Hand ihre Schulter berührte, fühlte ich, dass sie am ganzen Körper bebte, und mich dünkte es, als ob es von verhaltenen Thränen käme. Da wurde es mir ganz wirr im Kopf. Alles, was ich so lange an Liebe und Leidenschaft still mit mir herumgetragen hatte, rebellierte mit einem Mal gegen meine Schüchternheit, und nachdem ich ein kurzes, aber inbrünstiges Stossgebet zum lieben Herrgott geschickt, dass er ja in den nächsten Minuten nicht den Mond aufgehen lassen soll, liess ich mein Laternchen fallen, umschlang sie mit beiden Armen und küsste sie ohne Aufhören wohl unzähligemal hintereinander.
Anfänglich liess sie sich das ohne Widerstreben gefallen, und ich glaubte sogar den Gegendruck ihrer Lippen zu verspüren. Plötzlich aber stiess sie einen kleinen Schrei aus, und ihre schwachen Händchen gegen meine Schulter stemmend, versuchte sie mich fortzuschieben.
Später hat sie mir gestanden, dass ich sie so leidenschaftlich umfasst, dass ihr in der Rückengegend ein Korsettstäbchen zerbrochen wäre, was sie arg geschmerzt hätte. Damals aber, als ich dies noch nicht wusste, weckte ihre Gegenwehr meine ganze Schüchternheit wieder auf.
Ich war über die begangene Keckheit auf den Tod erschrocken und wäre am liebsten in den Erdboden versunken. Da sich dieser aber trotz seiner Weichheit dazu nicht hergeben wollte, bückte ich mich wenigstens, um mein Laternchen aufzuheben und dann spurlos zu verschwinden.
So am Boden kauernd und mit den Händen umhertastend, bat ich in kläglichem Tone um Entschuldigung und behauptete, dass ich nun wohl wüsste, dass ich vorhin ganz von Sinnen gewesen wäre. Am Ende titulierte ich sie gar ›gnädiges Fräulein‹, was ich sonst noch nie gethan hatte, wohl in der instinktiven Absicht, ihr durch diese Anrede nun einen verdoppelten Respekt zu bezeugen.
Da hörte ich sie mit einem Mal lachen, so hell und doch so leise, als ob ein Vöglein im Röhricht gezwitschert hätte.
›Spricht man so mit einem Mädchen, das man vor einer Minute noch geküsst hat, Herr Kaplan?‹