Stifts-K. S. Marien (»Dom«). Gegr. angeblich 741. Neubau seit 1154. Erster Umbau des Lhs. im A. 13. Jh. Erweiterung des Chors 1349-70. Zweiter Umbau des Lhs. 1452 ff. und [pg 103] Hinzufügung der dritten Turmspitze durch Meister Hans von Straßburg. Ausbesserung nach Brand 1472 durch Hans Pfau. Im 19. Jh. mehrfach rest., zuletzt 1912. — Vom rom. Bau des 12. Jh. haben sich erhalten die Mauern des Qsch. im nördl. und südl. Flügel bis zum Kranzgesims; die 2 zu Seiten des Chors angeordneten Türme im 1. und 2. Geschoß; im Innern die Kämpfer der Vierungsbgg., soweit sie an die Türme anstoßen. Die auf den quadr. Unterbau folgenden 8eck. Turmgeschosse sprom. 13. Jh. (der südl. soll 1201, der nördl. 1235 vollendet worden sein). Den rom. Bau haben diese Türme stattlich überragt, durch die späterhin eingetretene Erhöhung und Massenvermehrung des Chors und Lhs., namentlich als dieses sich in eine Hallenkirche mit hohem Dach verwandelte, wurden sie außer Wirkung gesetzt; um so bedauerlicher, als die unvergleichlich günstige Lage am Bergrande zur Schaffung einer kräftigen Silhouette die Aufforderung gab. Dieser folgte Hans v. Straßburg in der Weise, daß er die wohl schon vor ihm got. überhöhten Türme durch einen Zwischenbau verband und über diesem einen 8eckigen Aufsatz errichtete. Der Helm brannte seither zweimal, 1493 und 1717, ab; seine Erneuerung 1850 folgt den durch alte Ansichten überlieferten Umrißlinien. — Der zwischen den Türmen liegende rom. Chor war nur 7 m breit gewesen; jetzt bildet er den Durchgang zu dem fast als selbständiges Gebäude auftretenden viel breiteren Chor des 14. Jh. Dieser ist 1sch., hat 5 Langjoche, das letzte im Schlußstein mit dem als 1/2 10Eck konstruierten Haupt zusammengezogen (34 m lang, bei 88 m Länge der ganzen K., 13,5 m br., 25 m H.). Der Aufbau des Chors zeigt den völlig systematisch durchgebildeten Stil der späteren Hochgotik und ist durch schöne Raumverhältnisse ausgezeichnet. Mit dem Chorbau ging die künstliche Verschiebung des Bergrandes durch eine auf gewaltigen offenen Bgg. ruhende Terrasse (»Cavaten«) und der majestätische Treppenaufgang (»Greten« aus »gradus«) zusammen. Und die notwendig gewordene Tiefe der Grundmauern führte zur Anlage einer Krypta (inschriftl. voll. 1353), dergleichen sonst nicht in den got. Baugewohnheiten liegt. — Die im 15. Jh. geforderte Erweiterung des Langhauses als Hallenkirche mußte wesentlich in der Breitenrichtung erfolgen; da jedoch auch die bestehenden Pfll. weiter benutzt werden sollten, wurden die Ssch. breiter (9,4 m) als das Msch. (7,2 m) angelegt, was keine günstigen Raumverhältnisse ergeben konnte. Einfache Sterngwbb. — Am Äußern ist vor allem die Massenverteilung und Silhouette der Ostansicht eigentümlich und bedeutend. In Verbindung mit der Severi-K. eine der [pg 104] schönsten Baugruppen Mitteldeutschlands. Hier wie öfters zeigt sich die Phantasie des Ma. noch glücklicher in der sukzessiven Ausnutzung zufälliger Gelegenheiten durch wechselnde Geschlechter, als in der folgerichtigen Entfaltung einer einheitlichen Idee. Die mit dem Chor nicht parallele, sondern auf die NSeite konvergierende Richtung des Treppenaufgangs gab den Gedanken zu der prächtigen Torhalle auf dreieckigem Gr. als Anbau an den nördl. Kreuzarm. Die beiden freiliegenden Seiten werden ganz von mächtigen Portalen mit hohen Wimpergen eingenommen; ein zweites, mit je einem Fenster versehenes Geschoß springt etwas zurück. Die Formen sind freier als die des Chors, wahrscheinlich von einem etwas älteren Meister. Die Langseiten erhielten durch die Rest. von 1868 über jedem Joch Giebel für quergestellte Sschiffsdächer, während der Hauptfirst, nicht zum Vorteil der Totalansicht, niedriger gelegt wurde. Neu ist auch der obere Abschluß der WSeite. Überhaupt hat die Rest. den spgot. Bau nach Kräften hochgotisch korrigiert. Torflügel mit reichem got. Rankenbeschläge. Löwenköpfe rom.
Kreuzgang und Stiftsgebäude. OFlügel: spgot. 2sch. Halle, die dem Hof zugekehrte Seite in sprom. Formen mit einzelnen gotischen; diese überwiegen bereits am letzten Fenster; nach außen gegen die Terrasse springt die 1451 gest. Clemenskap. vor. Das Obergeschoß des OFlügels nahm das Auditorium coelicum (so genannt von den auf der azurblauen Decke dargestellten 12 Himmelszeichen) ein, welches der Universität zu Promotionen und sonstigen Festlichkeiten diente; jetzt sehr verwahrlost. Der W- und SFlügel entsprechen der fortschreitenden got. Stilentwicklung; mit Ausnahme des nördl. Fensters der WSeite, welches mit denen der OSeite gleichzeitig. Am SFlügel der ehemalige Kapitelsaal. Alle Gebäude haben durch den Brand 1472, sodann durch spätere Veränderungen gelitten.
Innere Ausstattung. Durch die Rest, des 19. Jh. von ihren »stilwidrigen« Elementen befreit. — Prachtvolles Chorgestühl bez. 1469, 1484. Hochaltar mächtiger Holzaufbau von 1697. Um 1420 großer gemalter Flügelaltar, in der Mitte die Einhornjagd. — Mitten im Chor lebensgroße bronzene Leuchterfigur, bekleidet, von starrster Bildung bei sorgfältiger Technik, 12. Jh., aber genauere Bestimmung von Zeit und Ort der Entstehung nicht zu geben. Stifterinschr. der Wolfram und Hilteburg. Glasgemälde im Chor, bez. 1403, die beste und größte Reihe, die Thüringen besitzt. — An der OWand des nördl. Qsch. 4 Nischen, ihr Inhalt aus Altem und Neuem gemischt. Besonders merkwürdig'> [pg 105] ein bogenförmiger rom. Altaraufsatz aus Stuck, an der Stirnseite Christus und die heil. Eoban und Adolar, darunter heilige Frauen mit Palmen, in der engen Nische Statue der Muttergottes, thronend, das Kind zwischen den Knien, archäische Züge verbunden mit wuchtiger Monumentalität. Es ist möglich, daß die Madonna nicht ursp. für die Nische gearbeitet war; erheblich älter als die Reliefs der Lunette, wie behauptet worden, ist sie nicht; genauere Datierung schwierig, etwa zwischen 1130-60. — An entsprechender Wand des südl. Qsch. Sakramentshaus von Hans Friedemann 1560, trefflich aufgebaut, doch schwach, wie immer bei diesem meistbeschäftigten Meister der Erfurter Sprenss., in der Figurenplastik. Holzrelief der Beweinung E. 15. Jh. Tumba der heil. Eoban und Adolar um 1400. — Im südl. Ssch. eiserner Leuchter mit Schmerzensmann um 1450. Links vom WEingang Taufstein mit großem phantastischem Überbau von Hieronymus Preißer 1587. An den Pfll. des Msch. 8 halbrund gebogene Tafelgemälde um 1500.
Grabdenkmäler. Bildnisstein eines Grafen von Gleichen mit zwei Frauen (wohl Ernst II. † 1264, ausgeführt etwa zwei Jahrzehnte später). Epitaph des Joh. v. Allenblumen † 1432, bez. R T, den Erfurter Lokalstil mit Eleganz repräsentierend. Bronzeepitaph des Henning Göden von P. Vischer 1521 (Wiederholung in Wittenberg). Prächtige dekorative Steinepitaphe der Familien v. Herstall von H. Friedemann d. J. und v. d. Weser von Enders Gutschell 1576. — Wichtig ist der Dom durch eine größere Reihe von bronzenen Grabplatten (die meisten im Kreuzgang). Am Choreingang junger Geistlicher, schöne flandrische Gravierung um 1350. Als älteste einheimische Arbeit bmkw. Herm. Schindeleib † 1427. Heinrich v. Gerbstädt † 1451, ausgeführt nach 1472 in der Vischerschen Werkstatt in Nürnberg; desgl. Hunold v. Plettenberg † 1475, Konrad v. Stein † 1499, Joh. v. Lasphe † 1510, Joh. v. Heeringen 1505; die letztere Platte (Halbfigur) von strahlender Renaissanceschönheit, wird als ein Werk Hermann Vischers d. J. anzusehen sein. — Gegossene Bronzeplatten Erfurter Ursprunges: Eoban Ziegler 1561 (von Eckhard Kücher) und G. Oland 1597 (von Melchior Möhring). Die schöne bronzene Wappentafel für Konrad v. Breitenbach † 1579 von Friedemann d. Ä.
Skulpturen am Äußeren. Am reichsten ausgestattet die beiden Portale am Triangel um 1350-60, 34 Vollfiguren, Apostel, kluge und törichte Jungfrauen, Ecclesia und Synagoge u. a.; Nachwirkung der 60-75 Jahre älteren [pg 106] Naumburger und Magdeburger Plastik; die Qualität weit niedriger. Am Tympanon des Kreuzgangsportals innen Kunigundens Rechtfertigung, außen Kreuzigung. An den Chorpfeilern 3 Statuen, Maria, Katharina, Barbara, aus A. 15. Jh. mit dem Zeichen i eines damals in Erfurt vielbeschäftigten Meisters.
Im Dommuseum. Merkwürdige, reich mit Reliefs verzierte sprom. Ampel für 12 Dochte. Bronzene Reliquienbüste E. 12. Jh. Eine gleiche E. 14. Jh. »Kasel der hl. Elisabeth« E. 13. Jh. Wandteppich in Plattstich auf Leinwand E. 13. Jh. Tischdecke mit Szenen aus Tristan, 14. Jh. Allerlei Reste von Holzplastiken und Malerei.
In der Domkurie. 2 Altarflügel mit Aposteln ca. 1420. 3 Tafeln mit männl. Heiligen ca. 1450. Tafel mit Kreuzigung ca. 1490.
Collegiat-K. S. Severi. Erste Nennung 836. Auf Neubau deutende Ablaßbriefe 1273-95. Zweite Erneuerung um 1450. — Anlage und Einzelheiten enthalten manches Eigentümliche. Bei Gliederung in 5 Sch. und 6 Joche kommt der räumliche Charakter der Hallenanlage bedeutend zum Ausdruck. Das erste und letzte Joch breiter als die übrigen; man ist hierbei von einem ehemaligen Qsch. ausgegangen, das an dem großen Rosenfenster der NSeite noch zu erkennen ist. Die Türme wie am Dom und nach dessen Vorbild im O. später um einen dritten mittleren vermehrt; schlanke hölzerne Helme. Bei schlichtester Einzelbildung wird durch bloße Linien und Massen ein echt künstlerischer Eindruck erreicht. — Im Chor Sediliennische um 1300. — Taufstein 1467, überstiegen von einem dreiseitigen mit der Spitze bis zum Gewölbe hinanreichenden Baldachin, im Motiv an Brunnenarchitektur erinnernd, höchster Handwerkstriumph in der Bewältigung des Steinmaterials. — Hölzerne Kanzel von Hans Friedemann d. Ä. 1576. — Orgelbau in großzügigem Barock. — Im südl. Ssch. gemalter Flügelaltar von einem guten Süddeutschen um 1520 (»Schule des Peter von Mainz«). — In der Blasiuskap. Schnitzaltar um 1500, bedeutend, doch sehr verrestauriert. — Die Kirche ist reich an bmkw. Steinplastik. Denkmal des hl. Severus, um 1370-80; ursp. in Form einer Tumba, früh (vor 1472) auseinandergenommen. Drei der Seitenplatten trugen Szenen aus dem Leben des Heiligen in hohem Relief; jetzt dem Marienaltar im nördl. Qsch. einverleibt; die vierte mit der Anbetung der Könige jetzt im südl. Ssch. (fast genaue Wiederholung derselben Komposition am WPortal der Nürnberger Lorenzkirche). Die ehemal. Deckplatte mit dem Relief des Severus [pg 107] zwischen Frau und Tochter krönt heute den Severialtar; in der Qualität den Seitenplatten überlegen; von neueren Kritikern nicht unbedingt überzeugend dem sog. Meister der Barfüßer-K. zugeschrieben. — Feine Madonna am Chorbogen um 1370-80 von Joh. Gehart; von demselben Johannes d. T. und Katharina. — Im Chor Alabasterrelief des hl. Michael bez. 1467, künstlerisch bedeutend, unter die Schulrichtungen der Zeit schwer einzureihen, doch wohl identisch mit dem Meister des Taufsteines. — Die Madonna am NPortal ist älter als dieses selbst, eine Durchschnittsarbeit um 1370. Bedeutend der daneben befindliche große Crucifixus, um 1500.
Schotten-Klst.-K. S. Jakob. Basilika aus A. 12. Jh., mit Veränderungen. Die im Innern erhaltenen rom. Pfll. haben so weiten Abstand, daß ausgebrochene Zwischenstützen, wohl Sll., vermutet werden müssen. Die ursp. Flachdecke durch Holzgewbb. ersetzt. Frgot. Vorhalle. Barockfassade (1772). Got. Turm mit welscher Haube. — Grabstein des Walter v. Glizberg und seiner Frau, lebensgroße Figuren in starkem Relief auf vertieftem Grunde, Behandlung sorgfältig aber wenig belebt; 2. H. 13. Jh. (oder noch später?). Gute Holzmadonna A. 16. Jh.
Prediger-K. (Dominikaner). Das Klst. gegr. 1228; eine Baunachricht von 1238 kann nicht auf das vorhandene Gebäude bezogen werden; dieses beg. 1308. — Sehr lang gestreckte, querschifflose Basilika im Gr. 76 : 18,5 m, geteilt in 15 Joche von genau gleicher Abmessung; die Ssch. schließen platt (mit Fenstern), das Msch. mit 5 Seiten des 8Ecks; die Mönchskirche von der Laienkirche durch eine Schranke und einen späteren Lettner (1410) geschieden. Das Msch. scheint in Absicht auf flache Decke begonnen zu sein; die Hochwand hat außen keine Streben, innen sind die Gwbb. auf vorgekragte kurze Dienste gestellt. Die Fassade turmlos, ihr großes Portal des figürlichen Schmucks beraubt. Die schlanken Türme am Chor eine jüngere Hinzufügung. Der Kreuzgang (S) abgebrochen, das Kapitelhaus erhalten.