Das war nun freilich eine Aenderung in dem Plane des jungen Mannes, auf die er nicht gerechnet hatte. Dennoch hoffte er, daß auch die Verflechtung dieser dritten Person in das unbesonnene Unternehmen glücklich von statten gehen werde. Philippintje war eine alte Jungfer, die keine Predigt und keine Betstunde versäumte. Jedesmal wenn sie in das Zimmer trat, wo das Götzenbild stand, gerieth sie in einen heiligen Eifer. Sie disputirte heftig mit Herrn Tobias, sie verlangte, daß das unchristliche Bild fortgeschafft würde aus dem christlichen Hause, aber Herr Tobias steigerte dann gewöhnlich noch ihren Zorn, indem er sie auslachte und um, wie es früher seine Lust war, sich recht aufgeklärt zu zeigen, die Meinung aussprach: alle Religionen seyen gut und der Anbeter des Brama wie der des Mahomet, käme so gut in seinen Himmel, wie der Christ in den seinigen, wenn er es anders verdiene. Diese oft aufgestellte Behauptung hatte zuletzt die starkgläubige Wallonin erbittert, sie sagte gar nichts mehr über den Schiwa, aber sie lebte nun in der festen Ueberzeugung, daß, was Religionsangelegenheiten betreffe, Herr van Vlieten, zu Allem fähig sey.
Clelia zog den etwas bedenklich gewordenen Cornelius mit sich nach dem Schlafzimmer Philippintje’s fort. Der Weg führte sie durch das Gemach, wo früher Clelia ihrem Vater den Thee kredenzt hatte, wo noch dessen dritte Tasse unberührt auf dem Tische stand. Das Mädchen riß sich mit einem Seufzer von ihrem Führer los. Sie schwankte an die Thüre des väterlichen Schlafzimmers, sie lauschte, sie vernahm die Odemzüge des Schlafenden.
»Er kann schlafen und trägt so arge Gedanken im Herzen!« stöhnte Clelia.
Da erklang des Vaters Stimme im Nebengemache und er sprach mit dumpfem Tone im Traume:
»Ja, ja, er soll und muß verbrannt werden, der Störer meines Hausfriedens! Wie will ich mich ergötzen, wenn ich ihn aufflammen sehe in lichter Lohe!«
»Im Traume ist Wahrheit;« flüsterte Cornelius, der hinter Clelia getreten war, dieser zu. »Er spricht von mir. Mir gilt die Drohung mit dem entsetzlichen Autodafé. Er möchte gern die Inquisition in unserm Lande eingeführt wissen. Das muß Euch die Wahrheit meiner Behauptung verbürgen.«
Der junge Mann hielt für gut die Sprache der Leidenschaft, in der er bisher die betäubte Clelia bestürmt, jetzt, da er sie für seine Absicht gewonnen, herabzustimmen und zugleich das vertrauliche Du wieder in das ehrerbietigere Ihr zu verwandeln. Er fürchtete Philippintje’s Scharfblick. Sie hätte leicht entdecken können, daß die Liebe mehr Theil an seinen Rathschlägen und seinem Verfahren habe, als Noth thue, und dann wäre sie wohl auch ebenso leicht auf die Vermuthung gekommen, das Ganze sey nur eine eitle Vorspieglung gewesen, um ihre jugendliche Gebieterin dem väterlichen Hause zu entführen. Zeigte er sich aber immer innerhalb den Schranken der Ehrerbietung, brachte er nur seinen Abscheu vor der schrecklichen Glaubensverläugnung, vor der beabsichtigten Gewaltthat des Vaters gegen die Tochter in Anschlag; so konnte er überzeugt seyn, in Philippintje eine ebenso treue Helferin zu finden, als sie ein gutes und strengrechtgläubiges Mitglied der reformirten Kirche war.
Philippintje hatte sich noch nicht zur Ruhe begeben, als ihr liebes Clötje, bleich und mit allen Zeichen großer Beängstigung, zu ihr in das Schlafgemach trat. Vor der Thüre harrte Cornelius mit pochendem Herzen auf den Erfolg der gewiß überraschenden Mittheilung. Von diesem Augenblicke hing Alles ab. Sah Philippintje hell genug, um sein dreistes Lügengewebe zu durchdringen, wurde sie nicht gleich Anfangs durch die Entdeckung, daß sie bisher einem heimlichen Katholiken ihre Dienste gewidmet, in ihren reizbarsten Empfindungen berührt und mit Blindheit geschlagen, so war nicht allein Alles vergebens gewesen, so mußte Cornelius selbst fürchten, seiner unbesonnenen Täuschung wegen, Clelia’s Gunst für immer verscherzt zu haben und nie wieder auf eine Hand Anspruch machen zu dürfen, deren Besitz, hätte sie auch nicht einen Goldschatz von siebenmalhunderttausend Dukaten gehalten, ihm den höchsten Zweck seines Lebens galt.
»Bei dem letzten Kanonenschusse, der einst in der Welt gethan werden wird!« sagte er, indem er sein Ohr zum Schlüßelloche neigte. »Ich will lieber vor einer geöffneten Batterie stehen, als in einer solchen Lage vor der Schlafkammerthüre einer alten Jungfer. Was ist es doch für eine schöne Sache um ein gutes Gewissen! Stehe ich nicht hier, wie ein armer Sünder, der den Beilschlag von Meister Kopfab erwartet auf dem Hochgerichte? Und woher kommt das ganze Unglück? Vom Denken, vom verwünschten bösartigen Denken! Da vergeß ich unglücklicherweise nur einen Augenblick meiner guten Gewohnheit, auch wenn ich allein bin, mir nur vorzuschwatzen, und das fatale Denken erwischt mich beim Kragen und flüstert mir tolles Zeug ein und treibt es zur Ausführung, ich mag wollen oder nicht. Und nun steht mir eben das Denken wieder als mein schlimmster Feind gegenüber, denn wenn die holdselige Philippintje anfängt zu denken, so ist’s aus mit meinen schönen Entwürfen, und meine blühenden Hoffnungen sterben ab im Nachtfroste.«
Aber in diesem Augenblicke erhob sich im Innern des Schlafgemachs heftig und schneidend die Stimme der Hausjungfer: