»Der Nebukadnezar, der Antichrist, der Rebell gegen Gottes Wort! O ich habe es längst gewußt, daß er den rechten Glauben abgeschworen hat, denn er zählt Sonntags lieber die Zuckerhüte, die im Gewölbe liegen, als die Zuckersprüche, die der hochwürdige Domine spendet! Hast Du es je erlebt, daß er zur Kirche gegangen wäre, meine Clötje? Hält er christliche Betstunde Abends im Hause, wie es sich geziemt für einen rechtgläubigen Patron und Handelsmann? Aber ich glaubte immer, er sey nur ein Heide, ein Götzenanbeter, so ein Chinese oder Kamschadale, nun ist er gar das Allerschlimmste, ein Römischer, ein Belialskind, der Antichrist selbst! Keinen Augenblick bleibe ich länger in dem verruchten Hause. Und du, Clötje, du bist sein Kind nicht mehr. Er hat sich losgesagt von dir, als er sich der entsetzlichen Babel hingegeben, er ist dein ärgster Feind geworden, da er im Sinne trägt, dich zu verderben an deinem himmlischen Seelenheil. Eine Nonne! Kind, weißt du, was das sagen will? Nein, du kannst es nicht wissen, aber ich sage dir, die Qualen, welche die Verdammten in der Hölle leiden, sind köstlich, wie Zucker und Milchcaffee, gegen das Leben im Kloster.«

Jetzt sprach wieder Clelia mit ihrer furchtsamen und weichen Stimme. Cornelius konnte nicht verstehen, was sie sagte, aber es dauerte nicht lange, so wurde Philippintje’s Redeton wieder hörbar, und der Lauscher vernahm Alles so deutlich, als wenn er der ehrbaren Jungfrau gegenüberstünde:

»Wie, verbrennen will er den Junker Cornelius, den schmucken, braven Menschen, der mir jeden Sonntag in der Kirchthüre den freundlichsten und höflichsten Gruß bietet, wie ihn ein sittsames Mädchen annehmen darf? Dafür wollen wir thun. Gewiß trägt der Pontius Pilatus im Sinn, ihn in das hintere Magazin zu verlocken, wo Pech und Schwefel in Haufen liegt, dann heimlich die ganze Geschichte in Brand zu setzen und den lieben Jungen, der an nichts Arges denkt, einzusperren und so seinem Höllenglauben zum Opfer zu bringen! Ja, mein Clötje, du hast an Junker Cornelius einen wahren Freund! Er hat dir gut, er hat dir recht gerathen. Wir wollen fort, wir wollen zur frommen Muhme in die Fremde! Besser, daß der sterbliche Leib in Gefahren und Beschwerden komme, als die unsterbliche Seele! Gehe, mein Clötje, mit dem guten Junker! Ich will indessen das Nothwendigste einpacken: Erbstücke von deiner Mutter selig und meine geringe Habe. Am Haven finde ich euch wieder. Der Judas Ischarioth soll dich nicht verrathen, mein Herzenskind, und den schmucken Cornelius! Wir wollen auch nichts mitnehmen von seinem Eigenthum. Es soll ihm Alles verbleiben — dem Belial!«

Cornelius richtete sich schnell auf aus seiner lauschenden Stellung, denn in jedem Augenblicke konnte jetzt die ehrbare Jungfrau Philippintje hervortreten. Er hörte weinen. Clelia war es, der die Trennung aus dem väterlichen Hause Thränen erpreßte. Sie hatte ihr Angesicht an die Brust der treuen Alten gelegt, die sie noch als Kind gekannt und liebevoll verpflegt. Philippintje aber tröstete sie mit frommen Bibelsprüchen, meinte, es sey einmal nicht anders und sie müsse nun den lieben Gott als Vater annehmen, da Herr Tobias sich dem Bösen verschrieben habe. Sie trieb dann das geängstigte Mädchen zum Fortgehen und öffnete selbst rasch die Thüre, vor der, mit einer tiefen Verbeugung ihr zugewandt, der junge van Daalen stand.

»Da habt Ihr sie, hochedler Junker!« redete ihn Philippintje an. »Gott hat Euch wunderbar zu ihrem Schutzengel erwählt. Führet sie aus dem Hause der Sünde an Bord der Arche Noah, welche die Auserwählten trägt. In wenigen Augenblicken folge ich Euch nach. Mein Himmel, wer hätte das gedacht, daß wir einmal bei Nacht und Nebel aus dem väterlichen Hause, aus der guten Stadt Rotterdam entfliehen müßten!«

Nachdem Philippintje noch ein Weilchen mit Jammern und Schelten ihr Herz erleichtert hatte, hüllte sie ihr liebes Clötje in einen warmen Mantel und brachte die beiden jungen Leute vorsichtig und leise an eine Hinterthüre des Hauses, die sie mit dem Hauptschlüssel öffnete. Hier wurden die nöthigen Verabredungen genommen, Philippintje erfuhr den Namen des Schiffes und Cornelius erklärte ihr auf’s Genaueste, wo es liege.

»Ich will Euch schon finden!« sagte sie. »Hat sich doch Alles so wunderbar und sichtlich unter der Führung des Himmels gefügt, daß wir in kleinen Dingen nicht furchtsam seyn dürfen. Wir ziehen aus Egypten in’s Land Gosen. Unser Pharao aber ist mit Blindheit geschlagen und es bedarf der Zeichen und Wunder nicht, ihn zu bändigen. Sei getrost, mein Clötje! hebe dein Haupt empor, mit dem lieblichen Antlitze, dessen du dich nicht zu schämen brauchst. Es wird Alles gut gehen. Die wohledle Jacobea ist fromm und gottesfürchtig. Sie ist deine nahe Blutsverwandte, ihr Haus und ihre Arme stehen dir offen. Weine nicht, zittre nicht und suche dich zu erheitern. Da, hochverehrter Junker, leihet Ihr Euern Arm, unterstützt sie hülfreich, damit ihr in ihrer gegenwärtigen Schwäche der Rettungsgang nicht so schwer falle.«

»Ach, Philippintje,« seufzte Clelia, »ich vermag jetzt nichts zu denken und über nichts nachzusinnen! Aber wenn auch meine Religion mich forttreibt aus der Heimathsstätte und es fest in mir steht, daß ich meinem Herrgott nicht untreu werden darf in irgend einer Weise, so schießt oft wie ein Blitz ein Gefühl in mein Herz, als begehe ich ein großes Unrecht in dieser Stunde!«

»Behüte, behüte!« versicherte, zu des betroffenen Cornelius großer Beruhigung, Philippintje. »Tritt in Frieden und Ruhe den Weg zur Rettung deiner Seele an. Du weißt, Herzenskind, wie gut ich’s mit dir meine. Sind wir erst bei der Muhme, dann wollen wir dem Baalspriester schon die Bedingungen stellen, unter denen wir wieder zurückkehren. Dann muß der Schiwa aus dem Hause und der Domine muß jeden Mittag mit uns essen und christliche Gebete halten zur Besserung des alten Heiden. Fort, nur fort, mein Kind! Die Bösen haben keine Ruhe im Gewissen, Tag und Nacht. Wer weiß, ob ihn nicht der innere Unfriede hertreibt und dann ist die Nonnenschaft gewiß und das Brandopfer in Pech und Schwefel.«

Cornelius war in seinem Leichtsinne nahe daran, sich durch ein kaum unterdrücktes Kichern zu verrathen. Fast mit Gewalt von Philippintje fortgedrängt, die sogleich die Hausthüre hinter den Beiden verschloß, schwankte Clelia, auf den Arm des Geliebten gestützt, durch die einsame, dunkle Straße. Das Glockenspiel vom nahen Thurme zeigte die Mitternachtsstunde an. Ein Schauer ergriff das Mädchen und sie schloß sich näher an ihren Begleiter, der so rasch als möglich sie mit sich fortführte. Vom Himmel leuchteten weder Mond noch Sterne. Ein dichter Nebel, wie diese in Holland häufig sind, umgab die nächtlichen Wanderer. Cornelius hielt sich immer nah an den Häusern, denn auf der andern Seite befand sich der Canal, der dem Unvorsichtigen gefährlich werden konnte. Als er vernahm, wie Clelia leise weinte und mehreremale das Wort: »Vater,« in wehmüthigem, bebenden Tone über ihre Lippen ging, da wollte sich Reue in seiner Seele regen und er mußte sich wieder alle Bedrängniß der Gegenwart, alle süßen Träume der Zukunft verlebendigen, um standhaft zu bleiben und nicht in die offenbarenden Worte auszubrechen: »Es ist Alles nicht wahr, Geliebte, sondern erdichtet und erlogen. Ich habe eine tolle, unsinnige Geschichte erfunden, um dich in Furcht zu setzen und aus dem Vaterhause zu locken in meine Gewalt und du hast sie geglaubt, weil du sehr betreten und deiner Sinne nicht mächtig warest. Kehre wieder zurück in die alte Wohnung. Dein Vater ist gegen nichts aufgebracht, als gegen den Manco von zweimalhunderttausend Dukaten und gegen den Schiwa, an dem er Caffee kochen will, aber nicht an mir, deinem Cornelius, Theuere!« So ungefähr würde der ehemalige Kriegsheld gesprochen haben, wenn er dem augenblicklichen Sturme der Empfindungen erlegen wäre. Er wußte sich aber gegen diesen Sturm zu vertheidigen und als er sich nun am Ausgange des Canals im Haven befand und das Licht der befreundeten Barke durch den Nebel herüberschimmern sah, da erwachte sein ganzer Muth und der letzte Versuch, den die heranstürmenden Gefühle machten, wurde ganz und gar zurückgeschlagen.